Habermas‘ Tod am 14. März 2026 ist mehr als nur ein Zeichen. Betrachtet man ihn als Schicksalsschlag für die Bundesrepublik Deutschland, so scheint er symbolisch für die defizitäre Lage des kommunikativen Handelns in Europa. Tatsächlich scheint es auf den ersten Blick ziemlich schlecht bestellt um das europäische Kommunikationshandwerk – doch es besteht Hoffnung: Durch die bloße Erinnerung an den großen Demokraten namens Jürgen Habermas dürfte der eine oder andere seinen hermeneutischen Werkzeugkasten blitzschnell aufgewertet haben.
In der Liebe zur Weisheit, der Habermas gefrönt hat, ist angesichts postfaktischer Anmaßungen der gemeinen Öffentlichkeit mehr politische Führung zu finden, als diejenigen vermuten, die vom Glauben an die Frankfurter Schule abgekommen sind. Zugegeben, auch die Philosophie musste in der jüngsten Vergangenheit Verwirrungen durchleben – zu nennen sei da an erster Stelle ihre Position im Hinblick auf linken Kulturkampf samt den wütenden Reaktionen – und nicht immer war es ihr möglich, ihr oberstes Ziel stets im Blick zu behalten. Die Wahrheit ist: Wenn die Philosophie als Wissenschaft, wie sie vom Chef-Aufklärer Immanuel Kant nun mal verkündet worden war, in die profitorientierten Spiralen des Kapitalismus gezwungen wird, hat das je nach Wirtschaftslage die einfache Folge der Ressourcenknappheit.
Ja – das gilt auch für Gehirnkapazität. Dass angesichts knappen Denkvermögens selbst unter Philosophinnen keine platonischen Ideen herauskommen können, ist logisch, wenngleich ungünstig für das kommunikative Handeln der BRD. Eine einfache Frage würde denjenigen helfen, die sich in der Tugend des kommunikativen Handelns erproben wollen:
Was würde Kant tun?
Uff – erstmal ein 1.000-seitiges Schriftstück verfassen, ist klar. Falls das aus gegebenem Anlass nicht funktionieren sollte, wäre die nächste Frage: Wie würde er kommunikativ handeln? Auch diese Frage zu beantworten ist angesichts des großen Unterschiedes zu Kants historischer Situation sicherlich herausfordernd. Zur Erleichterung können wir uns stattdessen fragen, was diejenigen Denker denken, fühlen oder kommunikativ handeln würden, die sich unter ähnlichen politischen Konfliktsituationen auf ihn berufen haben. Zu nennen ist allen voran Hannah Arendt, die sich entgegen skeptischen Appellen stets auf das Urteilsvermögen der menschlichen Vernunft berufen hat – auch dann, wenn ihre Mitphilosophen Protest gegen ihre diplomatisch-bestimmte Haltung erhoben haben.
was würden wir tun?
Da über Ostern von evangelischer Seite zur Buße aufgerufen wird, wäre eine erste Idee, sich eines schönen Samstagabends gemütlich in einen Sessel zu setzen, dem Kaminfeuer zuzuschauen und einmal gründlich darüber nachzudenken, was denken eigentlich bedeutet – und welche Ressourcen die Äußerung konstruktiver Kritik de facto braucht. Eine Alternative für Deutschland, die sich vom Rechtsextremismus der AfD distanziert, bietet die Erinnerung an christliche Werte in ihrem geschichtlichen Kern. Wenn diese Autorin sich recht entsinnt, hatte das ursprünglich mal etwas mit Hoffnung zu tun. Da Schuld, Scham und Buße trotzdem einen festen Platz in der Gesellschaft brauchen, gilt in der bescheidenen Meinung dieser Autorin die Devise, sich zunächst an die eigene Nase zu fassen, bevor über die Fehler der anderen geschwätzt wird. ? Schließlich predigte schon Farin Urlaub im Jahr der Finanzkrise, dass die Leute nur dann geschwätzig werden, wenn sie nichts besseres zutun haben – und er war schließlich Arzt.?
Dass ein Appell an die Vernunft der Menschen anno 2026 noch immer funktionieren kann, zeigt der Verlauf sowie das Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Zwar wurde im Zuge dessen klar, dass die Vernunft inmitten der bipolaren Zu- und Gegenrufe von „Lügenpresse“ und „Fake News“ – in der bescheidenen Meinung der Autorin eine massive Ablenkung vom Kern des Problems – deutlich geschwächt ist. Doch sie hat gesiegt.
Und die Moral‘ von der Geschicht‘?
1. Sapere Aude!
2. Demokraten aller Länder, vereinigt euch!
3. Wenn ihr das tut, gebt der Hoffnung eine Chance!
4. Glaubt wieder an etwas – die einzige Bedingung ist das Positive. Glaubt an Platons Idealismus, glaubt an die Botschaft Jesu, glaubt an die Revolution der Vernunft, glaubt an was ihr wollt,
5. aber lasst bitte endlich die Sonne rein.
Um es, etwas poetischer, mit Rilke auszudrücken:
[Seid] ohne Angst, dass [hinter den Stürmen des Frühlings] kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch! (Rilke – über die geduld)
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