Ist anti-autoritäre Erziehung Quatsch –oder genau das, was mein Kind braucht?

Viele junge Eltern sind momentan damit beschäftigt, ihre Corona-Babys großzuziehen – Stand heute wird diese gerade erzogen werdende Generation die Gen Alpha genannt. Im Zentrum steht dabei die sogenannte anti-autoritäre Erziehung, die man heutzutage Begleitung nennt, sowie gentle parenting.

Dr. Frieda wittert, dass die Differenz in den verschiedenen Erziehungsweisen, wie sie zwischen Millenials und ihren Eltern zum Ersten, Boomern und ihren Eltern zum Zweiten, und Millenials und ihren Großeltern zum Dritten besteht, großes Potenzial für sozialen Sprengstoff bietet. Gerade die schaffenstüchtigen Boomer betrachten anti-autoritäre Erziehung vielerorts mit Argwohn.

das ist zwar eher eine Aussage, die der jetzigen Großelterngeneration zugeschrieben werden kann (auch Silent Generation genannt), doch wird die Bedeutung des Satzes oft von Boomern kopiert. Ist das ein Anzeichen dafür, dass die Satzsager unter einer autoritären Charakterstruktur leiden?

Auf der Seite der Millenials ist es ja manchmal wirklich so, dass die Matcha Latte trinkenden gentle parents und Lifestyle-Teilzeitmütter🤡 schlichtweg überfordert mit ihrer Wahl sind, das Kleinkind wiederum aus je vier verschiedenen Eierlöffelformen, -farben und -größen wählen zu lassen. Boomer und Silent People klatschen sich daraufhin gemeinsam gegen die Stirn. Wow, endlich sind sie sich mal in etwas einig – und zwar darin, dass anti-autoritäre Erziehung kompletter Quatsch ist.

Meine überspitzte Wortwahl ist eine radikale Verkürzung des Problems: Gentle Parenting bietet nämlich viel mehr als Eierlöffel. Anti-autoritäre Erziehung beruht auf dem Prinzip, dass Kinder echte Autonomie in einem geschützten Raum lernen dürfen und dabei ein Urvertrauen in die Welt und ihre Bewohner entwickeln. Doch was hat jetzt Adorno damit zu tun?

In Adornos Studien zum autoritären Charakter geht es natürlich nicht um Gentle Parenting, sondern um die Frage, warum Menschen dazu tendieren, im politischen Sinne autoritären Strukturen zu folgen. Adorno, Mitbegründer der Frankfurter Schule und vor Nazis Geflüchteter, hatte allen Grund, sich über diese psychoanalytische Frage Gedanken zu machen. Sein Kollege Erich Fromm, mehr noch in der Psychoanalyse verankert, behandelte diese Fragestellung in seinem Werk Die Furcht vor der Freiheit. Fromm war selbst ein Verfechter der anti-autoritären Erziehung, die nach der Meinung Dr. Friedas für eine funktionierende Demokratie unentbehrlich ist.

Es zeigt sich, dass gentle parenting durchaus eine politische Komponente hat. Adorno stellte in den 1940er Jahren, als Hitler und seine Anhänger*innen sich für den schlimmsten Faschismus der Welt verantwortlich machten, fest, dass ebenjener Faschismus nicht bloß eine Meinung, sondern in einem Charaktertypus fundiert ist, den man sich herbeierzogen hatte.

Typische Merkmale des autoritären Charakters sind laut Adorno unter einigen anderen diese (in eigener wortwahl):

  • Autoritätshörigkeit nach oben 👆 (auf Leute hören, die Autorität haben)
  • Aggression nach unten 👇 (auf Leute treten, die als minderwertig gelabelt werden)
  • Konservatismus 🥫(alte Werte konservieren)
  • Schwarzweißdenken ⬛ (starre Kategorien beibehalten, keine Ambivalenz zulassen)

Solcherlei Charaktereigenschaften entstehen nach Adorno durch strenge, hierarchische Erziehung. Kinder lernen dadurch, nach oben zu gehorchen und nach unten zu dominieren. Und sie lernen, die gegebenen Strukturen schlichtweg auszuhalten, statt sie mitzugestalten oder etwas zu verändern. Mit Selbstvertrauen hat das wenig zu tun.

Ihr könnt eure eigenen Schlüsse darüber ziehen, wo sich der Zusammenhang mit Hitlers Nazi-Deutschland, Faschismus und dem Erstarken der neuen Rechten befindet. Womöglich fangt ihr in Bezug auf eure eigene Familie mit den intellektuellen Nachforschungen an, und dann könnt ihr euch schon bald erklären, warum Onkel Fritz oder Tante Luzi die AfD wählen – oder sind es vielleicht auch eure Eltern?

Im Gegensatz zu dem als Selbstbewusstsein maskierten Hörigkeits-Murks steht die anti-autoritäre Erziehung. Dass Kinder die Wahl zwischen verschiedenen Eierlöffeln haben, ist natürlich ein übertriebenes und selten vorkommendes Beispiel, das von Skeptikern zur Veranschaulichung ihres Argwohns gegenüber „diesen Weicheiern“ genutzt wird.

Gentle Parenting bedeutet aber nicht, Weicheier zu erziehen oder keine Grenzen mehr zu setzen. Es bedeutet, die Gefühle von Kindern neben den eigenen Gefühlen zu regulieren. Besonders dann, wenn Kinder Ablehnung erfahren, sich verzweifelt auf den Boden werfen und ein Tantrum schmeißen – auch und gerade dann, wenn die Ablehnung von ihren Eltern kommt. Es bedeutet zu lernen, dass Ablehnung kein Weltuntergang ist. In diesem Sinne haben es die Eltern der Kinder bestenfalls selbst gelernt. Das nennt man ggf. Cycle Breaking.

Cycle Breaking ist eine wahnsinnig herausfordernde Angelegenheit: Es erfordert viel Akzeptanz, Selbstreflektion und Therapie. Es erfordert, sich mit der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte auseinanderzusetzen und die Gefühle aller Beteiligten auszuhalten, weil sie es nicht gemacht und stattdessen verdrängt haben. Es ist viel schwerer, als blind „denen da oben“ zu gehorchen.

Anti-autoritäre Erziehung findet dann statt, wenn Kinder wertschätzend behandelt und nicht als minderwertig betrachtet werden, sondern als gleichwertig. Es ist aus der Sicht von Dr. Frieda ohnehin eine Schande, dass Kinder so selten als ganze Menschen gesehen werden. Denn sie sind ganze Menschen – nur eben kleine Menschen, die man deshalb besonders schützen muss. Sonst werden sie später sehr traurig, sehr depressiv, sehr wütend, oder alles gleichzeitig, und suchen sich möglicherweise ein ungesundes Ventil.

gentle parenting mag seine Nachteile haben, wenn die sanft begleiteten Menschlein zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens in den Genuss kommen, mit dem Raubtierkapitalismus des 21. Jahrhunderts konfrontiert zu sein. Ablehnung, Abwertung und psychische Gewalt sind in unserem System an der Tagesordnung, vor allem in der Arbeitswelt, und es wäre willkürlich, Kinder nicht auf diese Realität vorzubereiten.

Für eine Demokratie brauchen wir jedoch: Urvertrauen lernen, Wertschätzung praktizieren und vor allem eines: Autonomie. Erst, wenn sie die Obrigkeitshörigkeit ablegen, lernen junge Menschen, sich alten Strukturen zu widersetzen.

Deine
Dr. Frieda

Kommentare

  1. Avatar von Tatjana

    Ich habe so viele Gedanken dazu, während gerade mein halbjähriges Kind neben mir in seinem Bettchen schläft und später zu mir auf die Brust wandert.

    Also, mehrere Punkte (als Mutter und Erzieherin):
    Unsere Elterngeneration meint es gut, allerdings ist das halt leider die kleine Schwester von „ist halt Scheiße“. Wie oft mussten wir uns anhören, dass wir ja auch irgendwie groß geworden sind, und wie oft will man da zurückpfeifen, wie viele Suizidversuche man hinter sich hat (überspitzte Darstellung), weil man allein mit seinen Gefühlen dealen muss und es nicht genug Therapieplätze gibt. „Lasst es schreien, ist gut für die Lunge!“, während dir das Herz bricht, weil das einfach alte Wege sind, die mittlerweile wissenschaftlich widerlegt sind und dennoch wollen sie sowas von uns Kindern nicht hören! Das würde ja bedeuten, man müsste sein eigenes Handeln reflektieren und wo kommen wir denn da hin!!!!1!!!einself!!
    Dann: gentle parenting ist etwas für gentle Kids. Ich finde es toll, wie manche Eltern das durchziehen, und zu sehen, wie das klappen kann ohne Meckern und Brüllen ist Balsam für mein inneres Kind. Aber: es ist auch okay, den Alltag als Eltern mit einzubeziehen. Ich erlebe in der Kita (ein dringend überholungsbedürftiges, absolut von der Politik verbachlässigstes System) viele Typen von Kindern und bin Feuer und Flamme für Kita-Parlament und Co, und dennoch gibt es manchmal Kinder, denen eine „neinfreie Zone“ nichts bringt. Leider wird Gentle Parenting oft als grenzenlose Laissez-faire definiert und ich weiß leider zu wenig darüber, um eine genaue Definition zu nennen, aber es ist eben kein Laissez-faire, sondern für mich ist es das Geben von Grenzen, mit Begleitung, Zugewandtheit und logischen Konsequenzen. Für mein Kind wünsche ich mir dadurch eine größere Resilienzerfahrung, als ich sie machen konnte, ohne Angst haben zu müssen, selbstständig zu sein. Ich will, dass mein Kind bei Problemen nicht denkt „Shit, so darf ich nicht nach Hause kommen!“, sondern „Shit, Ich will nach Hause zu meinen Eltern!“.

    Äh. Die Welt ist im Wandel, und es ist schön zu lesen, dass das selbst in so dunklen Zeiten noch der Fall war. Ich wünschte nur, die Menschen wären auch bereit, den Wandel anzunehmen.

    So, ich glaube, ich bin alles los geworden. Mega guter und für mich auch sehr aktueller Beitrag und ich wünsche mir mehr davon! Peace out.

    1. Avatar von frieda2000

      Ich denke, Du hast mit allem sehr Recht und gehe da in allen Punkten mit. Danke für Deinen Kommentar!

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