
Eine philosophische Analyse der Podiumsdiskussion im Futurium am 20.04.2026
Ein mit Ironie untersetztes Ziel
Man hatte sich viel vorgenommen an diesem Abend, dessen ironisch anmutender Titel Nichts als die Wahrheit an eine Verkehrung der ursokratischen These erinnert, die da heißt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das ist immer noch besser als nicht zu wissen, dass ich nichts weiß.“
Im Gegensatz zu Sokrates‘ Bescheidenheit, die sich damals als philosophische „déformation professionelle“ noch sehr hoch im Kurs hielt, war das minikleine Ziel der 90-minütigen Podiumsdiskussion im Futurium an diesem Abend, den durch irrationale politische Gefühle verloren gegangenen common sense der bundesdeutschen Öffentlichkeit möglichst rational zu rekonstruieren und damit wiederherzustellen.
(Hätte ich meiner heutigen Uni-Professorin mitgeteilt, dass ich das gerne in der 100-seitigen Abschlussarbeit meines Masterstudiums binnen 6 Monaten täte, hätte sie mich ausgelacht oder zurück in einen Grundlagenkurs der Philosophie geschickt. Aber das nur nebenbei. :-))
Geballte Expertise
Dem geschätzt 250-köpfigen Publikum war jedenfalls eine geballte Expertise zuhanden: Die Journalistin Yasmine M’Barek, die an diesem Abend nicht nur gekonnt moderierte, sondern auch ihre Fachexpertise als Sozialwissenschaftlerin einfließen ließ; Robin Alexander, der durch den – man kann es so sagen – staatstragenden Podcast Machtwechsel bekannt ist, welchen er mit seiner Kollegin Dagmar Rosenfeld hostet; Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Susanne Baer, Professorin an der HU Berlin und Bundesverfassungsrichterin a. D.; und Prof. Dr. Peter Strohschneider, Prof. i.R. für Literaturwissenschaft an der LMU München.
Wo waren die Philosophen?
Eine Berufsgruppe war jedoch nicht zugegen: Die Gruppe, deren berufliche Bestimmung die Wahrheitssuche ist. Was es damit auf sich hatte, weiß ich nicht – vielleicht hatte Richard-David Precht gerade keine Zeit? Jedenfalls hat der hier schreibenden Philosophin eine Philosophin auf der Bühne gefehlt.
Probiert wurd’s mit Gemütlichkeit
Die vier vor (nicht nur) performativer Wahrheit überquellenden Fachexperten, die jeweils ein ausgeprägtes, ausgefeiltes und passgenaues Vokabular anwandten, um ihre wiederholten Antworten auf die Frage zu geben, wo und wie der common sense in der BRD eigentlich verloren gegangen sei –war es Corona? War es Trump? Waren es die Querdenker? War es Frauke Brosius-Gersdorf? War es die AfD, deren Parteiname im doppelten sinne während der Diskussion kein einziges Mal ausgesprochen wurde? – nun ja, diese Fachexperten stritten sich jedenfalls gerade nicht um den neuen Wahrheitsbegriff der BRD.
Stattdessen unterhielten sie sich auf gesittete Art und Weise darüber, warum es bloß so weit kommen konnte, dass „die Wahrheit“ als demokratisches Konzept aktuell so wenig greifbar, wenn nicht gar ganz abgeschafft ist. Sie diskutierten, wie Fachexperten das halt so machen: Von der Bühne aus, die man sich auch als elfenbeinfarbenen Turm vorstellen kann.
Es hat sich gemütlich und sicher angefühlt, von so viel Fachexpertise umgeben zu sein: Die Worte flossen vor sich hin, alles ergab Sinn, es wurden viele wichtige Stichworte genannt.
Doch spiegelte die Diskussion bei weitem nicht den politischen Kampf wider, der in der vielschichtigen und teils digitalisierten Realität ausgetragen wird.
Und dafür gibt es Gründe im Meta- und Subtext der Veranstaltung – dazu später mehr.
Die Themen des Abends
Eingeleitet wurde der Abend mit einer Publikumsumfrage, in der das Publikum bewerten durfte, ob eine bestimmte Aussage vom Chef-Balkenverbieger Donald Trump tatsächlich so getätigt worden sei oder nicht. Das war gar nicht so einfach, selbst für Robin Alexander, den Frau M’Barek zu Beginn der Podiumsdiskussion als ihr persönliches Wahrheitsbarometer bestimmte.
Weiter ging es in der Debatte mit den oben eingeleiteten Themen:
- Donald Trump: Hier sprachen sich alle entschieden gegen das Abfeiern von Lügen und Lügnern in öffentlichen Debatten aus, wobei Frau Baer betonte, dass man es sich machttechnisch leisten können müsse, Lügen zu verbreiten und dafür auch noch gefeiert zu werden. Anders als Not- und vergleichbare Lügen, die aus einer Bedrängnis heraus getätigt würden (s. Kai Wegner punkto Streusalz), seien absichtliche, dreiste und performativen Lügen eine Machtdemonstration. Deswegen sei in dieser Hinsicht auch die Offensichtlichkeit von Lügen kein Problem, sondern gerade einer ihrer springenden Punkte. Diese Macht fasziniere selbst uns, die wir das nicht zugeben wollten. Frau M’Barek brachte ein, dass die lügenverbreitende Masse durch die algorithmen von Social Media sowie KI-generierte Inhalte oft gar nicht wüsste, was die Wahrheit sei, und daher unbewusst Lügen verbreite. Herr Alexander wandte ein, dass „Alternative Facts“ ganz bewusst von Donald Trump geschaffen worden seien.
- Frauke Brosius-Gersdorf: In dieser Sache wollte Yasmine M’Barek den Personenkult kritisieren, der mit der öffentlichen Debatte um ihren Fall verknüpft war, womit sie leider an sämtlichen diskursiven Oberflächen abrutschte. Das Thema wurde schnell abgetan, und ich glaube, das war gut so.
- die Multipolare, diskursiv geformte Wahrheitsordnung: Herr Strohschneider erhellte die Diskussion mit Foucaultschen Anmerkungen dazu, dass Diskurse immer mit Wissen und Macht zu tun hätten, und dass es einen Widerspruch zwischen rationalen und irrationalen Wahrheitsbegriffen gäbe.
- eine Statistik von 2025, in der man sehen konnte, wie wenig Vertrauen die wahlberechtigten BRD-mitgleider noch in ihre Strukturen haben: Dabei wurden die Verwaltungsstrukturen, denen laut oben verlinkter Statistik nur noch knapp 30% der Wahlberechtigten in Deutschland vertrauen, erst ganz am Ende von Frau Baer eingebracht – und zwar in etwas vorwurfsvollem Ton gegen diejenigen, die ihre Verzweiflung gegenüber ihrem (scheinbaren?) Nicht-Funktionieren kundtun. Dass die Infrastruktur, die wir in Deutschland hätten, so gut funktioniere, sei keine Selbstverständlichkeit. man denke an die müllabfuhr.*
- Eine mehr schlecht als recht gelungene Corona-Aufarbeitung: Die Hauptfrage war, wieso im Jahr 2020/21 die Meinungen von Personen wie Christian Drosten, Hendrik Streeck oder Sandra Ciesek nicht zu allen Mitgliedern der deutschen Öffentlichkeit durchgedrungen sein. Eine richtige Antwort darauf gab es nicht – bis auf die von Herrn Strohschneider festgestellte Tatsache, dass es zu jeder öffentlich kommunizierten Wahrheit immer eine oder mehrere Gegenwahrheiten gäbe, die meistens subaltern zu verorten sein.
- Es wurde insgesamt etwas schwammig beschlossen, dass Wahrheit diskursiv geformt, also von allen öffentlichkeitsteilhabenden Menschen zusammen gebildet wird, also irgendwie auch vom gemeinen Volk, aber auch irgendwie nicht, weil es durchaus konkrete Entscheider*innen in der BRD gäbe, deren diskursiv-performativer Wahrheitsausspruch ja doch mit einer Machtposition verknüpft sei – wie z. B. im Falle von Verfassungsrichterinnen.
*Das stimmt zwar, doch frage ich mich, inwiefern das diejenigen Leute wertschätzen können, die auf Bürgergeld, Krankengeld oder Pflege angewiesen sind. Diese Sätze schreibe ich, nebenbei gesagt, als chronisch kranke Person, deren Nebenjob es ist, Anträge auszufüllen, und die seit Monaten nicht zur DRV vordringen kann, und sowieso ständig in mehrstündigen Telefonschleifen hängt. Das nervt so!
Robin Alexander nannte gen ende der veranstaltung ein prägnantes Beispiel darüber, was passieren würde, wenn geltendes Recht der gesellschaftlich gefühlten Wahrheit widerspräche: die Entscheidung von Pontius Pilatus anno ~33, Jesus kreuzigen zu lassen, die nicht vom römischen Gesetz gedeckt gewesen wäre. Er stellte damit eine intelligente Verknüpfung zur heutigen Lage her, in der das geltende Gesetz bei weitem nicht von allen Bürgerinnen und Bürgern akzeptiert wird und somit die gemeinsame grundlage – der common sense – fehlt.
Zur Sache
Wie immer ist es an solchen Abenden spannend, nicht nur beim gesagten Text, sondern auch beim nicht-gesagten Meta- und Subtext der Veranstaltung zuzuhören. Das ist etwas kompliziert, weil sich diese beiden Textformen nur indirekt aus dem Gesagten ableiten lassen – und oft eher aus dem Nicht-Gesagten.
Die Anti-Themen des Abends 1 (Metatext)
Bewertet man die Meta-Ebene eines gesprochenen oder geschriebenen Textes, so fragt man nach seiner epistemischen Funktion. Sprich, man stellt sich die Frage, aus welchen bereits gegebenen Kontexten, Zusammenhängen und sozialen Rollen sich die gesellschaftliche Funktion ableitet, die der gesagte oder geschriebene Text dem Publikum gegenüber haben soll.
Zum Zusammenhang zwischen Podiumsteilnehmern und Publikum lässt sich zunächst festhalten, dass beide Gruppen an diesem Abend dem (gehobenen) Bildungsbürgertum angehörten. Die Seite der Podiumsgäste ist eher bei der Elite zu verorten, also bei den Menschen, die auf hoher Ebene der BRD mitreden dürfen (und das zu recht).
Das Thema des Abends, der common sense der Öffentlichkeit, war also eigentlich gar kein Thema zwischen Podium und Zuschauerschaft, weil man sich im gehobenen Bildungsbürgertum sowieso meistens einig ist – da man ähnliche Dinge studiert hat, sich auf ähnliche Weise über die Welt informiert und zu ähnlichen Schlüssen kommt. wieder spielen die medien, also die vermittlerinnen der wahrheit, eine große rolle.
Auch der common sense zwischen den jeweiligen Podiumsgästen war vorhanden. Zwischen Frau M’Barek, Herrn Alexander, Frau Baer und Herrn Strohschneider gab es zumindest an der Oberfläche nur marginale Abweichungen. Meistens wurde den Aussagen der anderen Teilnehmer zugestimmt.
Die gesellschaftliche Funktion der Veranstaltung schien es zu sein, sich seitens der Podiumsgäste und der Veranstalter des Futuriums gegenüber den eigenen Leser*innen, Zuhörer*innen und Zuschauer*innen darin abzusichern, dass man immer noch auf derselben Seite stehe.
Hier ist niemand verloren, hier glauben alle noch an die Wahrheit.
Das also zur Metaphysik des Futurium 2.**
Die Anti-Themen des Abends (Subtext)
Bewertet man die Sub-Ebene eines Textes, dann bewertet man das, was Menschen unbewusst mitsagen, obwohl sie sich sehr bemühen, es nicht zu sagen. Man denkt also darüber nach, welche Worte, Begriffe und Konzepte nicht genannt werden, obwohl man rational davon ausgehen kann, dass sie mit dem Thema eng verknüpft oder sogar eine seiner Grundlagen sind. Das läuft oft unbewusst ab und ist schwierig herauszufiltern.
Von solchen Themen gab es an diesem Abend ungefähr, haargenau, fünf:
- die Rolle von Journalisten in der Corona-Pandemie – und eine entsprechende Selbstkritik in der damals vernachlässigten Funktion als einordnende personen/institutionen, die sich vom Treiben der Regierung rational distanzieren.
- Die Rolle von Wissenschaftlern und Universitäten in der Corona-Pandemie – und eine entsprechende Selbstkritik in der damals vernachlässigten Funktion als einordnende personen/institutionen, die sich vom Treiben der Regierung rational distanzieren.
- Social Media und KI: Das war einigen vielleicht zu heikel, weil es im Grunde ein überaus technisches Thema ist. Es wäre meiner Meinung nach auch zu viel für den Abend gewesen – es sei denn, ein*e CTO wäre zugegen gewesen. (Weil technische Themen denjenigen oft zu heikel sind, die ansonsten die Gesamtzusammenhänge im Blick behalten, braucht es übrigens technikaffine Philosoph*innen, die eine medienkritische Arbeit über den Zusammenhang von Wahrheit und Social Media schreiben und sich gleich 6 Monate statt 90 Minuten Zeit dafür nehmen. Hust hust.)
- Dass es eine nicht zu ignorierende Verknüpfung zwischen ökonomischer Macht, performativer Wahrheit und verletzten Egos gibt. Das kann man zunächst mit Nietzsche erklären, der sagte: Wissen ist Macht. Und dann kann man Foucault einbringen, der fortführte: Macht ist Wissen. Und dann kann man noch Carl von Clausewitz ins Spiel bringen, der sagte: Krieg ist die Fortführung von Politik mit anderen Mitteln. Und dann geht’s wieder zurück zu Foucault, der das berühmte Zitat von clausewitz umformulierte und sagte: Politik ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. will sagen: Da gibt es eigentlich einen fetten, hartnäckigen Zusammenhang zwischen kapital-power und wahrheitsanspruch, den am ehesten noch Frau Baer ausgesprochen hat: Lügen müsse man sich leisten können, und dann könne man es auch.
wenn ohnehin gefühlte 90% der Bevölkerung aus einem verletzten Ego heraus den Drang haben, ein illusionäres Selbstbild aufrecht zu erhalten, das auf einem illusionären Weltbild fußt, dann werden sie diese Lügen mit Kusshand in Empfang nehmen. Perfomative Wahrheiten können übrigens auch Lügen sein, das ist in einem konstruierten Diskurs völlig egal. Aber das ist ein anderes Thema… - Dass der Kampf um Wahrheit ein kultur- und identitätspolitischer Kampf ist und sich im Saal 2 des Futuriums gefühlt zu 99% Menschen mit derselben kulturellen und sozio-ökonomischen Identität befanden, weswegen sich niemand über Identität oder Kultur gestritten hat.
Das also zum Subtext des Futurium 2.**
**So oder so ähnlich hieß der Saal, in dem die Veranstaltung stattfand.
Fazit: Die notwendigen Illusionen der Demokratie wurden erhalten
Warum es so ist, dass auch Fachexperten Dinge nicht sagen, obwohl man sich als gemeines Volk doch auf ihre ehrliche Meinung verlassen können muss, hat verschiedene Gründe – allen voran vermutlich den, dass es in einer Demokratie gar nicht so schlecht ist, sich manche Illusionen darüber zu erhalten, wie die Gesellschaft in Wahrheit funktioniert. Ein Beispiel wäre die Illusion, dass der Demos in einer Demokratie das eigentliche Sagen hat, was de facto nicht so ist.
Ich weiß sowieso nicht, wieso manche Menschen darauf kommen, dass es in einer Demokratie keine Herrschaft gäbe – wer hat sich diesen Quark bloß ausgedacht?
Demokratie ist nur eine mildere Herrschaftsform, die ein paar notwendige Illusionen über die Wahrheit der Gesellschaft impliziert, an denen man besser nicht kratzt.
In jedem Fall lebe ich lieber in einer latenten Illusion, in der ich einen recht niedrigen Leidensdruck habe, als im illusionsbefreiten Faschismus.
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