Autorin: frieda2000
„I feel like it’s not me – it’s the world that’s sick […] I’m not sick, WE ARE SICK!” (Ren)
Soundtrack zum Artikel: Ren – Hi Ren und Ren – Sick Boi

Personal Note
Dieser Artikel ist ein besonderer Text, denn psychisch krank zu sein geht regelmäßig an meine innere Substanz. Als chronisches Sick Girl wandle ich durch die Welt und fühle mich selten normal. Bin ich halt auch nicht – ist halt ok. Will nur sagen: Es ist ein sehr persönliches Thema für mich.
So be gentle, please.
In meiner Ver-rückt-heit erkenne ich oft das Ge-rückt-sein derjenigen, die in Normalität leben. Ich fange dann an, wild gestikulierend die Strukturen der Gesellschaft zu kritisieren, bemühe mich dabei sehr, nicht auf Einzelpersonen rumzuhacken, und werde fast immer missverstanden. Normal zu leben ist natürlich überhaupt nicht falsch – wohl aber die Strukturen der Normalität, in der wir leben müssen.
Einerseits werde ich beim Diskutieren oft auf meinen Krankheitsstatus reduziert, obwohl ich gute Gründe für meine Standpunkte habe. Andererseits fühlen sich Menschen von meiner Kritik wahnsinnig oft ( 😉 ) persönlich angegriffen oder verunsichert, obwohl ich ja gar nicht sie meine, sondern höchstens eine ihrer Verhaltensweisen, die wiederum auf der blöden Normalität beruht. Kennt das noch jemand?
Diese Missverständnisse hängen paradoxerweise mit dem gesellschaftlichem Stigma zusammen, das psychisch Kranke in der Normalität Tag für Tag (er)tragen müssen. Mit Stigma kennen sich längst nicht nur psychisch Erkrankte aus, sondern auch alle anderen marginalisierten Gruppen der Gesellschaft. Weil Marginalisierte aus ihrer Lebenserfahrung heraus so viel über Ausgrenzung wissen, sollten wir ihnen m. E. viel mehr zuhören! Das gilt aus meiner Sicht für: Arme Menschen, Frauen, BIPoC, queere Menschen, Menschen mit Behinderung – solange sie keine Faschisten sind. Der Fachbegriff zu diesem Wissensvorteil dazu heißt übrigens „epistemischer Vorteil“. Ob’s wirklich ein Vorteil ist, liegt im Auge der Betrachterin – ökonomisch gesehen ist allerdings es fast immer ein Nachteil.
Mir macht das Stigma inzwischen nicht mehr so viel aus – meinem Ego geht es so weit ganz gut, wie ihr merkt. Das hängt aber damit zusammen, dass ich weiß und wohlhabend bin, und genau deshalb soll es in diesem Text auch nicht um mich gehen, sondern um Erich Fromm und den allgemeinen Erkenntnisgewinn, um den sich frieda2000 kümmern möchte.
Starten wir rein: Wie steht’s um die psychische Krankheit der BRD?
Ende 2025 fühlten sich knapp 40% aller 18- bis 29-jährigen unwohl in Bezug auf ihre mentale Gesundheit [Quelle]. Psychisches Unwohlsein betrifft dabei deutlich mehr Menschen mit niedrigem Bildungsgrad. [Quelle] Psychische Krankheiten, vor allem affektive Störungen, belegen im Jahr 2025 den dritten Platz aller langfristigen Krankschreibungen in der BRD. [Quelle]
Dass der Gesundheitssektor seit den 2000er Jahren privatisiert, unterfinanziert und von staatlicher Seite radikal abgebaut wird – tja, das hilft nicht. Psychotherapeut*innen, die ohnehin heillos überfordert mit massivem Patientenandrang sind, erhalten seit April 4,5% weniger Honorar. [Quelle] Pflegerinnen und Pfleger sind ohnehin unterbezahlt – das wissen alle, dafür brauche ich keine Quelle, oder?
Was bedeutet es, psychisch krank zu sein?
Für die Person selbst bedeutet es erst einmal, Leidensdruck auszuhalten. Man leidet an Depression, an Angst, an Panik, an Psychose, an PTSD, an ADHS, an Schizophrenie, an vielem, kurzum: Man leidet daran, nicht zu funktionieren.
Das Nichtfunktionieren gilt innerlich wie äußerlich. Innerlich: Die Psyche streikt und man fühlt sich mit einer psychischen Erkrankung fast immer wie gelähmt. Das tut weh und kratzt am Selbstwertgefühl. Äußerlich: Arbeiten ist schwer, Kommunizieren ist schwer, sich selbst intelligibel für die Gesellschaft zu machen ist schwer. Alles ist so schwer.
Zum Glück ist mentale Gesundheit als Thema nicht mehr so tabuisiert wie früher, zumindest nicht unter Gen Zlern und Millenials. Dafür sorgt die emotionale Reife besagter Generationen, und Social Media. Es gibt unzählige Accounts auf Insta oder TikTok, auf denen Menschen von ihren mentalen „Struggles“ berichten und dafür sorgen, dass andere Menschen nicht mehr so hart mit ihren eigenen „Struggles“ umgehen.
Meine Kritik an diesem Trend ist, dass er meistens in Form subjektiver Erfahrungsberichte auftritt. Aufklärung über mentale Gesundheit funktioniert ganz oft so, dass sich Einzelpersonen mit ihrer psychischen Erkrankung und insofern mit dem einem gesellschaftlichen Label identifizieren. Das Kranksein wird somit nur via Affirmation (Bejahung) enttabuisiert. Man macht sich nackig und gesteht sich ein, wie endlos krank man ist, damit man einen Platz in der Gesellschaft hat. Ich finde es frech von der Gesellschaft, dass dadurch wiederum ein Schubladendenken entsteht. Ich jedenfalls glaube, dass ich mehr bin als meine Diagnose.
Psychos wissen: Es läuft etwas falsch in der Welt
Dabei müsste es nicht so sein, dass man seinen eigenen psychischen Struggle bejaht, um zu spüren, dass etwas falsch läuft. Das Falsche ist nämlich nicht nur in unseren individuellen Psychen zu verorten, sondern in der f*cking Welt. Don’t get me wrong: Psychotherapie und ärztliche Hilfe ist angemessen, wichtig und richtig, weil sonst gar nichts mehr funktioniert. Ich bin absolut dafür.
Gleichzeitig gibt es einen Aspekt an meiner Krankheit, der mich über die Welt stutzen lässt: Bin wirklich ich diejenige, die falsch ist? Ist es nicht logisch, in dieser Welt eine schwere Depression zu entwickeln? Ist es nicht logisch, dass mich die Welt aufwühlt? Ist es nicht logisch, dass ich hier nicht mehr funktionieren kann?
Erich Fromm wusste es auch
Erich Fromm war Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe der ersten Generation Frankfurter Schule. In einem Interview, das er drei Jahre vor seinem Tod (1977) mit Michaela Lämm und Jochen Lodemann geführt hat, spricht er die geflügelten Worte:
„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten. Das klingt geistreich oder vielleicht zugespitzt. Aber es ist mir ganz ernst damit, es ist nicht bloß eine witzige Form. Der Mensch, der krank ist, zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie nicht in Konflikt kommen können mit den Mustern der Kultur, sondern dass sie durch diese Fiktion Krankheitssymptome erzeugen. Das Symptom ist ja wie der Schmerz ein Anzeichen, dass etwas nicht stimmt.
Erich Fromm
Glücklich der, der ein Symptom hat.“
Glücklich bin ich mit mir und der Welt nun wirklich nicht. Aber Fromm hat einen guten Punkt: Immerhin spüre ich sehr deutlich, dass die Welt in Schieflage ist. Immerhin bin ich empathisch genug, um zu merken, dass es nicht nur mir so geht. Immerhin leitet mir meine Krankheit den Weg zur Gesundheit, die in dieser Welt nur schwer zu finden ist.
Dass normale Leute krank sind, ist als Strukturanalyse zu verstehen – es geht es nicht darum, Einzelpersonen zu dissen. Die Krankheit liegt darin, dass der eigene, als gesund gelabelte Lebensstil im Kapitalismus folgende Dinge impliziert: Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse, Überfluss, Ausbeutung (eigene und fremde), Steuern für kriegstreiberische Staaten bezahlen, möglicherweise für diese Staaten sterben zu müssen, Finanzkapitalismus unterstützen, den Reichen noch mehr Geld zuführen müssen, während man selbst ärmer wird, Einkäufe und Miete nicht mehr bezahlen können, ständig auf der Hut sein, nie genug sein, immer, immer, immer arbeiten, sich kaputtarbeiten müssen […]. The List goes on.
Ausgrenzung durch Eingrenzung?
Was passiert nun, wenn psychisch Kranke diesen Aspekt ihrer Krankheit nicht offen formulieren dürfen, ohne als irrationale Marxisten dargestellt zu werden? Was passiert, wenn psychische Krankheit nur noch als identitätspolitische Schublade zu haben ist? Was passiert, wenn sich diese Schublade von KI-gestützten Coaching-Apps hervorragend vermarkten lässt? Was passiert, wenn psychisch Kranke sich unkritisch ins System einfügen? Sind sie dann überhaupt noch krank?
Und was passiert mit denen, die darauf verweisen, dass psychische Krankheit eine Grundlage in der Welt hat und nicht im individuellen Menschen? Passen die überhaupt noch in eine Schublade?
Zwei Wünsche an die Menty B1-Bubble
Der oberste Wunsch, den ich an meine Fellow-psychisch-Kranken richte, ist folgender: Hört auf euer Bauchgefühl – ihr seid nicht das Problem. Oft ist das Problem die kaputte Welt.
Der zweite Wunsch richtet sich an die Art der Aufklärungsarbeit über mentale Gesundheit (z. B. auf Social Media). Ich wünsche mir, dass das individuelle Nichtfunktionieren via psychische Krankheit in Aufklärungsvideos und -texten wieder mehr mit der realen Krankheit der Welt verknüpft wird.
Psychische Krankheit hat sehr viel mit Geld und Kapitalismus zutun, und es ist kein Zufall, wer wann und warum krank wird.
Wenn Reiche reicher und Arme ärmer werden, wird die Welt halt krank.
- Danke an Jakob Wischner (@baby.bltty) für diesen süßen Begriff: Menty B = Mental Breakdown ↩︎
Kommentar verfassen