– Was wäre, wenn das Ausbleiben eines Konjunkturpakets für die schwächelnde Wirtschaft gar kein Fehler ist?
Eine Ex-Soldatin der Bundeswehr und eine ehemaligen Rekrutin der US-Army erzählen im Interview, wieso es falsch ist, wenn Menschen nur des Geldes wegen in der Armee enden.
Autor: Julian; Foto: C.Suthorn, cc-by-sa-4.0, commons.wikimedia.org 

Politik kann gar nicht so vieles, wie wir es ihr manchmal attestieren wollen.*
Im Grunde erschöpft sich die Steuerungswirkung der Regierung darin, Gelder für Projekte freizugeben, und bei anderen wiederum Gelder zu versagen. Das ist die Grundlage des operativen politischen Handelns, und es ist davon auszugehen, dass Berufspolitiker*innen wie der Kanzler das wissen.
Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss auch, dass das Kürzen von Sozialleistungen, das Ausbleiben eines Konjunkturpaketes und das ewige Festhalten an der Schuldenbremse in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation gewollt und damit als Teil einer größeren Strategie zu verstehen sind.
Das scheint erst einmal paradox, denn, wie Maurice Höfgen in seinem Podcast „Geld für die Welt“ nicht müde wird zu betonen, muss irgendjemand Geld ausgeben, damit die Wirtschaft wieder wachsen kann. Und das hat sie bitter nötig – vorausgesetzt natürlich, man glaubt an das Wirtschaftswachstum als Lösung aller Übel: Die kümmerliche Prognose der Wirtschaftsministerin Reiche von 1,0% Wachstum für das Jahr 2026 wurde erst jüngst auf 0,5% verringert; Wirtschaftsinstitute prognostizieren ein Wachstum von 0,6%. Dem voraus ging das Jahr 2025 mit 0,2% Wachstum, 2023 und 24 war die deutsche Wirtschaft sogar geschrumpft (Link).
Woher aber das Geld kommen soll, das die Konjunktur ankurbelt, scheint eine Frage zu sein, die sich Merz & Co. gar nicht erst stellen.
Anstatt sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen, und sich so z.B. einzugestehen, dass der Exporthandel nicht nur aufgrund der Blockade der Straße von Hormus weiter zurückging, sondern auch, weil die deutsche Industrie sich vermehrt resistent gegen jedweden Wandel zu zukunftsfähigen Technologien gezeigt hat (Autoindustrie, Photovoltaik, um nur zwei Beispiele zu nennen), hält sie weiterhin an ihrem „Herbst der Reformen“ fest, der sich nun beinahe schon zum ersten Mal jährt, ohne dass sich in der Realpolitik vieles geändert hätte (Damit möchte ich nicht absprechen, dass vermehrt gegen arme Menschen gehetzt wurde, sondern aufzeigen, dass die diskursive Besetzung von Themen in der Politik manchmal tatsächliche Ansätze der Problemlösung ersetzt).
Das, was die laufende Ankündigung von Sozialstaatsabbau wie Kürzungen für die Krankenkassen oder der Erklärung der gesetzlichen Rente zur „Basisabsicherung“ (Link) jedoch tatsächlich ändert, ist die Bereitschaft der Bevölkerung, aus dem Inland heraus die Konjunktur anzukurbeln: In einem gesellschaftlichen Klima, das durch Verunsicherung und einem von der Inflation abgekoppelten Reallohn bestimmt wird, haben die Menschen gar kein Geld, das sie ausgeben könnten, und die, die es haben, legen es für die vom Kanzler selbst angekündigten schwierigen Zeiten zurück (Link).
Durch das blinde Festhalten an der Schuldenbremse versagt sich der Staat ebenso selbst, Konjunkturtreiber zu sein, auch wenn das Sondervermögen, das ja in der Realität größtenteils gar nicht investiert, sondern stattdessen zweckentfremdet wurde, um Haushaltslöcher zu stopfen (Link), wohl der Grund dafür ist, warum die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr überhaupt ein Wachstum verzeichnet (Link).
Und auch das Ausland weicht aufgrund erstarkender Konkurrenz bspw. vermehrt auf chinesische Produkte aus (Link 1, Link 2), oder nimmt aufgrund der durch die Blockade der Straße von Hormus ausgelösten Wirtschaftskrise weniger Waren ab, sodass Deutschlands Exportüberschuss weiter schrumpft.
Bleiben noch die Unternehmen, doch auch die fühlen sich, ähnlich den Privathaushalten, nicht danach, in unsicheren Zeiten zu investieren, dagegen helfen auch Lippenbekenntnisse nach Treffen mit der Bundesregierung im letzten Jahr wenig (Link 1, Link 2).Was die Unternehmen allerdings tun: Investitionen zurückfahren, und z.B. beim Personal, einem der größten kontrollierbaren Kostenfaktoren, sparen. Und da liegt nun, wie man so schön sagt, der Hund begraben (Ihr dürft euch aussuchen, wer der Hund ist, den ihr hier metaphorisch begraben möchtet) (Link).
Diese Sparmaßnahmen schlagen nämlich direkt auf den Arbeitsmarkt durch.
Mit 6,4% hat Deutschland momentan die höchste Arbeitslosenquote seit mehr als 10 Jahren. Auch immer mehr Akademikerinnen werden arbeitslos: mit 332.000 Arbeitslosen Akademikerinnen ist die Zahl fast doppelt so hoch wie im Jahr 2019. Wenn ihr momentan nach einem Job sucht, werden euch diese Zahlen nicht überraschen – Berichte von 50, 100, sogar 150 Bewerbungen von Akademiker*innen auf ihren ersten Job nach dem Studium häufen sich (ich bin bei der 72.) (Link).
Doch über all der Misere und der Angst vor dem Abstieg steht ein Arbeitgeber, der momentan mächtig die Werbetrommel rührt und Personal anheuern möchte: Die Bundeswehr. Sie hat ihren Werbe-Etat für das Jahr 2026 gegenüber dem von 2022 verdoppelt: 70,5 Millionen Euro sollen alleine dieses Jahr in die Präsentation der Armee nach Außen gesteckt werden – zuletzt lief eine vierwöchige Werbekampagne in den sozialen Medien und klassischen Werbeplattformen (Link).
Die Kampagne stand im Zusammenhang mit dem zum 01. Januar diesen Jahres in Kraft getretenen Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes, nach dem junge Männer ab Jahrgang 2008 nun wieder verpflichtend gemustert werden, damit ihre Kriegstauglichkeit eingeschätzt werden kann (Link). Der damit verbundene Wehrdienst basiert zwar noch auf Freiwilligkeit, aber ob sich diese Freiwilligkeit auf Dauer stellen lässt, hängt wohl auch maßgeblich davon ab, ob die anvisierten 80.000 Rekrut*innen mit dem Modell der Freiwillligkeit angeworben werden können (Link). Jan van Aken, ehemaliger Die Linke Parteivorstand ließ sich indes auf einer Pressekonferenz so zitieren:
„Alle wissen, dass sich CDU und SPD eigentlich nur darüber gestritten haben, kommt die [Wehrpflicht] schon diese Legislatur oder erst nächste Legislatur“ (Link)
Auch wenn die Werbekampagne für die Bundeswehr heftiger Kritik ausgesetzt war – so z.B., dass sie nicht im Ansatz ein realistisches Bild der Truppe zeichnen, in der auch gerne mal junge Männer an Herzmuskelentzündungen sterben, weil ihre Krankmeldungen nicht ernst genommen werden – , oder dass Minderjährige vor ihrem 18. Geburtstag Postkarten mit ihrem Namensschild auf der Uniform zugeschickt bekommen (Link), ist klar, dass die Bemühungen auf Hochtouren laufen, die Truppenstärke von 180.000 auf 260.000 zu erhöhen (Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes spricht sogar von einer Stärke von 300.000).
Von dieser Tatsache zeugt auch, dass die Bundeswehr im dritten Jahr in Folge eine Rekordzahl an Minderjährigen Rekrut*innen beschäftigt: Insgesamt waren im vergangenen Jahr 3131 Soldat*innen erst 17 Jahre alt – und das, obwohl Deutschland eigentlich ein Abkommen der vereinten Nationen unterzeichnet hat, nur Volljährige in der Bundeswehr zu beschäftigen (Link 1, Link 2). Neben der Frage, ob das ethisch vertretbar ist (diese Debatte führen glaube ich Andere an anderer Stelle schon effektiver), scheinen die Kindersoldat*innen schon jetzt auf ein Problem bei der Rekrutierung hinzuweisen.
Die Bundeswehr ist bei jungen Menschen nämlich alles andere als beliebt.
Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2025 hatten nur 38% der 16-26-Jährigen in Deutschland Lust auf die Wehrpflicht, 55% waren dagegen. Diese Tendenz hat sich im Vergleich zu einer Umfrage aus dem Jahr 2023 verdeutlicht (damals waren nur 47% dagegen, 42% dafür). Diese Unlust spiegelt sich auch in einer anderen Zahl wider: Mehr als ein Viertel der jungen Männer, die den verpflichtenden Fragebogen der Bundeswehr erhalten haben, haben Anfang Mai 2026 noch nicht darauf geantwortet – und gehen damit das Risiko ein, ein Bußgeld zahlen zu müssen. Und selbst von den 70%, die den Brief beantwortet haben, waren nur rund die Hälfte an einem Wehrdienst interessiert (Link). Auf TikTok finden sich derweil Videos, die, halb im Spaß, halb im Ernst, zeigen, wie man sich bei der Musterung verhält, um möglichst nicht eingezogen zu werden.
Vielleicht liegt das auch daran, dass die jungen Menschen ahnen, dass die actiongeladene Werbung, der sie täglich in den sozialen Medien begegnen, nur die halbe Wahrheit erzählt. Zu dieser Realisation kam auch Leonie, die eigentlich anders heißt, nach ihrer Zeit in der Bundeswehr. Für sie war klar, dass sie einmal zur Marine gehen würde, seitdem sie die Bundeswehr mit 14 auf einer Jobmesse kennengelernt hatte:
Leonie:
Es war ja damals schon immer Thema, dass man mit der Marine irgendwann nach Afrika geht, um die Piraterie einzudämmen. Außerdem begann in meiner Jugend die Emanzipation der Frau auch gesellschaftlich ein Thema zu werden. Und da kam dann auch zur Sprache, was den Frauen vor Ort passiert. Was ihnen angetan wird und wie unterdrückt sie leben. Ich hatte halt die Vorstellung, man fährt da hin und hilft; rettet Menschen, die flüchten, die gefangen gehalten werden. Die beim Stand von der Bundeswehr haben sich Zeit genommen und haben wirklich mit jedem einzelnen gesprochen. Außerdem war dieser Punkt von Kameradschaft und Zusammenhalt für mich auch sehr interessant, weil ich leider auch eine Mobbingerfahrung in der Schule hatte.
Sie merkt jedoch schnell, dass sich ihre Vorstellungen nicht bewahrheiten sollen. Das fängt bei Beleidigungen, Machtspielchen und psychischem Missbrauch in der Grundausbildung an:
Leonie:
Ich lag selber zwei mal mit einer gute Freundin von mir im Krankenhaus, weil die Füße offen waren nach einem Marsch. Und als wir wiedergekommen sind, musste die ganze Truppe drunter leiden, dass wir krank waren. Da wurden halt wirklich Bestrafungen vorgenommen. In der Nacht wurde die ganze Truppe geweckt und wir mussten im Schlafanzug laufen gehen.
Und die Ausbilder haben dann auch gesagt: ‚Obermaat XY und Z waren krank und deswegen müsst ihr jetzt alle zusammen was nachholen.‘
Oder das Licht wurde mitten in der Nacht angeschaltet. Und das sind richtige Strahler, nicht das Licht, was man von Zuhause kennt.
Außerdem gab es Essenentzug. Das passierte meistens wenn irgendjemand irgendwas gemacht hat, was den Ausbildern nicht gepasst hat. Man geht immer gesammelt in die Kantine und es ist gibt halt die Regel, dass der Ausbilder sich als Erstes anstellt, und alle anderen danach. Wenn der Ausbilder aber aufsteht, musst du halt auch aufhören zu essen. Wenn du dann noch in der Schlange stehst und du hast noch kein Essen, oder du hast dich grade erst hingesetzt, dann hast du halt Pech gehabt. Dann isst du einfach nicht. Meistens bis zum nächsten Tag.
Spätestens in der Kaserne, nach der Grundausbildung, merkt sie, dass die Menschen um sie herum gar nicht die selben Ideale teilen wie sie. Was einmal ihr Traum war, entpuppt sich als absolute Horrorvorstellung:
Leonie:
Ich habe schnell gemerkt, dass die Menschen aus den falschen Gründen bei der Bundeswehr sind. Dass die Arbeit vor Ort nicht das widergespiegelt hat, was ich mir vorgestellt habe.
In der Kaserne war es dann halt irgendwann wie eine Doku-Soap. Die Männer hatten Frau und Kind zu Hause, aber hatten dann halt jüngere Frauen vor Ort.
Das fand ich gar nicht cool. Und eigentlich bist du ja dazu angehalten, dich körperlich fit zu halten, für den Ernstfall. Aber da wurden die schlimmsten Partys gefeiert. Die Regeln, die sie aufgestellt haben, haben sie halt selber irgendwann fallen lassen, und das hat für mich was von Doppelmoral. Ich wusste, dass ich mich im Ernstfall auf niemanden verlassen kann, außer auf mich selbst. Es gab viel Alkohol, viele Drogen, auch viel Missbrauch – nicht nur körperlich, sondern auch emotional. Das war halt einfach nicht schön.
Trotz, oder vielleicht grade wegen der Schrecken, verdient Leonie zu der Zeit sehr gut:
Leonie:
Ja das kann man nicht anders sagen. Ich hab ja damals, mit 21, 22 Jahren, schon mehr verdient als meine Eltern zu der Zeit.
Grade die Kombination aus jugendlichem Leichtmut, Exzess und hohem Gehalt findet Leonie im Nachhinein besonders schwierig, denn damit würde nur kaschiert, dass die wenigsten in der Bundeswehr tatsächlich darauf vorbereitet werden, was ihnen begegnet:
Leonie:
Im Endeffekt gehst du ja einen Vertrag mit dem Staat ein, dass du im Ernstfall in einem Gebiet alle Anweisung befolgen musst.
Wenn jemand sagt schieß, dann musst du halt schießen. Das ist halt so. Natürlich kannst du nein sagen, aber die meisten tun es nicht. Das ist halt was, mit dem du dann Leben musst.
Ich glaube, selbst wenn du es aus der richtigen Motivation heraus machst und mit den richtigen Voraussetzungen, ist es schon hart, was in den Ländern, in denen man eingesetzt wird, passiert und was man dort sieht. Ich verstehe schon, dass man probiert, das mit Geld wieder gut zu machen, aber eigentlich bräuchte jeder da eine Traumatherapie. Wir haben ja zum Beispiel in der Ausbildung gesehen, was Folter wirklich bedeutet. Das ist schon heftig, zu sehen, was Menschen anderen Menschen antun können. Beim Foltern geht man ja immer auf die niedrigsten Dinge. Schlafentzug, Angst scheren. In Afghanistan schickt man Kinder bei deutschen Soldaten vor, weil man weiß, dass wir kulturell so geprägt sind, in Kindern etwas Reines zu sehen. Da werden Kinder mit Sprengstoffgürteln ans Militär geschickt.
Dafür sind die Summen aber auch extrem groß, wenn du Auslandseinsätze machst.
Jeder Mensch hat halt einfach einen Preis.
Und es gibt ja einen Grund dafür, dass die unteren Dienstgrade mehr auf solche Einsätze geschickt werden als die oberen. Die oberen Dienstgrade wissen schon, was passiert. Die unteren nicht, und gehen dann halt hin, aus Geldnot, aus Coolness, oder um sich zu beweisen.
Und ich glaube, als die Wehrpflicht abgeschafft wurde, hatten vor allem junge Männer auf einmal andere Perspektiven. Es war viel interessanter, Studieren zu gehen. Da war halt einfach kein Interesse mehr für die Bundeswehr. Und wieso auch. Das Land hat ja jetzt die Jugend auch nicht gefördert. Ich kann das schon nachvollziehen. Warum sollten die kämpfen, im Ernstfall auch um ihr Leben, wenn sie dafür nichts zurückbekommen?
Viele junge Menschen haben einfach keinen Bock darauf, für „ihr Land“ verheizt zu werden, erst recht nicht, wenn parallel zur Einführung der Musterung und der Verdoppelung des Werbe-Etats der Bundeswehr bundesweit Gelder für Bildung, Soziales und Jugend gestrichen werden (Link).
Doch wenn die Investitionen in die Bundeswehr als einzige weiter steigen, während die Kürzungen im Sozialstaat, der Bildung und der Jugendarbeit weiter voranschreiten, dann gibt es für junge, arme Menschen bald nur noch eine Perspektive.
Und dieses Szenario ist gar nicht so unrealistisch: Erst vor wenigen Wochen war ausgerechnet die Forschungsministerin Dorothee Bär in den Schlagzeilen, wie sie das Aussetzen der Bafög-Reform mit den Worten verteidigte: „Es gibt keinen Anspruch auf ein Vollkaskostudium“ und darauf verwies, dass Studierende ja jobben gehen könnten, um das Studium zu bezahlen. Was Studierende, glaub mir, Dorothee, größtenteils trotz Bafög schon tun, um sich bspw. die 650€ Miete für ein WG-Zimmer leisten zu können (Link).
Und genau da kommt die Bundeswehr ins Spiel.
Schon jetzt können dort Schulabschlüsse nachgeholt werden, entscheidet man sich für die Offizierslaufbahn, übernimmt die Bundeswehr Studiengebühren für die Dauer des Studiums und zahlt weiterhin das Gehalt. Der Haken an der Sache? – Für so ein Studium made-by-Bundeswehr muss man sich für mindestens 13 Jahre verpflichten (Link). Das hört sich nach genau der Entscheidung an, die ein noch nicht vollkommen entwickelter Frontallappen mit 17 treffen sollte, oder?
Wie es aussieht, wenn dieser Trend sich noch verschlimmert, sieht man in den USA.
Dort ist das Militär schon lange ein großer Arbeitgeber. Von ungefähr 163,72 Millionen Beschäftigten im Jahr 2026 werden ca. 2,9 Millionen Menschen unmittelbar und mittelbar für das Militär beschäftigt (Link 1, Link 2). Das entspricht einer Quote von ca. 1,8%. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es hingegen ca. 45,6 Millionen Erwerbstätige, mittelbar und unmittelbar in der Bundeswehr beschäftigt sind davon ca. 267.000 Menschen (Link 1, Link 2).Das macht, ungefähr, eine Quote von 0,6%.
Das Fehlen sozialer Sicherungssysteme und die hohen Studiengebühren, die massenweise junge Menschen schon vor dem Eintritt ins Arbeitsleben auf Jahrzehnte hin verschulden (Link) treiben in den USA schon lange viele junge Menschen in die Hände der US Army. Doch das passiert nicht, weil der Lohn dort so gut wäre, sondern weil das Militär über verschiedene Wege die Kosten für ein Studium oder eine andere Ausbildung übernimmt, wenn man sich im Gegenzug lange genug verpflichtet. Auch Valentina, die in echt anders heißt, ist deshalb der US Army beigetreten, obwohl sie eigentlich aus Polen kommt:
Valentina:
I joined the US Army in 2022 when I turned 18. I mostly made the decision because I wanted to study in the U.S.. I had heard that the education for the program I wanted to study was better there than in Poland.
But I found out that if I wanted to study in the U.S., I would go into debt for at least 15 years.
However, the US Army offers up to 50.000 $ in enlistment bonuses. Most of it is meant for jobs within the army that require specialist training. So, a lot of people use that option after university to repay parts of their student loans. It’s up to 50.000$, I mean, come on! That’s free money that goes towards your loan payment. And then there is the G.I. bill, which is an education bill. It basically means that the army is paying for your University education, as long as you can keep the grades up.
Dort gibt es also, anders als in Deutschland, die Möglichkeit, auch ein militärfremdes Studium komplett über die sog. G.I. Bill finanzieren zu lassen, vorausgesetzt, man dient lange genug. Valentina erzählt mir auch, wie leicht es für sie war, beizutreten:
Valentina:
I reached out to them via online services while I was still living in Poland. I just searched up the Admission Mission Office and had a video-call with them. They told me that I’d technically need a green card to sign up, but that we’d be able to figure it out.
Later on I found out that this practice is illegal, but that it’s one of the tactics that they use to get immigrants to join the US Army.
A lot of my Mexican colleagues came to the US illegally and were promised a green card for example. And in the end they did, because the recruitment is treated as a sort of naturalization process. Actually, most of the people that were there when I joined were not American. They were mostly Mexicans or other immigrants that had enlisted just to get a green card or some sort of fast-track citizenship.
Obwohl sie damals keine Aufenthaltsgenehmigung hatte, wird sie ohne Probleme rekrutiert, so wie viele andere, die in der US Army eine Abkürzung in Richtung Staatsbürgerschaft sehen.
Valentina:
It does seem very ironic to me that most of the people in the army are actually immigrants or children of immigrants. I mostly think that’s because of how hard it is to actually obtain the U.S. citizenship. When you go there without papers, it’s so hard to find a job, to be able to support yourself or to get appropriate medical care. The army is a lot of people’s only choice. They don’t even have access to jobs that pay the abysmal federal minimum wage, which is around 7$. They have to work in fields like construction and get something like 5$ an hour. And they have to simply accept it. If I was in that situation, I would also choose to go to the army instead.
Es sind genau diese Menschen, die im Ernstfall „für das Land“ sterben müssen; für ein Land, das ihnen bis dato nichts gegeben hat. Und wenn sie nicht im Einsatz sterben, sind sie häufig durch die Gewalt, die sie innerhalb der Truppe** oder im Einsatz erleben, so traumatisiert, dass sie die monetären Vorteile der G.I. Bill nicht mehr entgegennehmen können:
Valentina:
Many people are simply too traumatized or too tired to try to even go to University and get a degree after they’ve served in the military. So most of the time, the G.I. Bill actually doesn’t go to the soldier, but to their families. If you’re married and you have children, you can pass the benefits on to them. So basically, you’re setting your family up for later.
Der Dienst an der Waffe bleibt halt der Dienst an der Waffe, von dem das Töten einen elementaren Bestandteil darstellt. Mit den Folgen davon bleiben Betroffene auch hierzulande noch oft alleine (Link).
–
Ich kann die Menschen nicht davon abhalten, sich freiwillig dafür zu entscheiden, „ihr Land zu verteidigen“. Egal, was ich davon halte. Aber ich habe etwas dagegen, wenn der Wehrdienst einem Teil der Bevölkerung aufgezwungen wird, während andere, privilegierte Teile der Bevölkerung ihre Macht- und Entscheidungspositionen weiter festigen. Was das bedeutet, kann man schon heute in den USA absehen.
Wenn also Friedrich Merz und Lars Klingbeil die nächste Kürzung im Sozialstaat ankündigen, während euch in den sozialen Medien oder auf dem Schulhof eine Werbeoffensive der Bundeswehr begegnet, erinnert euch daran, dass im politischen Handeln weniger unglückliche Zufälle existieren, als wir gemeinhin glauben mögen.
*Das ist einer der Gründe, weshalb der Diskurs, der Friedrich Merz „Sprechtrainings“ anbieten möchte, so irreführend ist – so empfahl z.B. kürzlich Jagoda Marinić bei Maischberger dem Kanzler, eine „visionäre Rhetorik“ zu adaptieren, um die unbeliebte Politik besser zu verkaufen (Link). Aber Scheiße bleibt halt Scheiße, auch wenn man Parfüm darauf sprüht.
**Die Gewalt, die innerhalb der US-amerikanischen Truppe stattfindet, ist nicht direkt mit dem Thema verbunden, und der Artikel so schon sehr lang. Aber weil Menschen sich umso besser schlecht behandeln lassen, je marginalisierter sie sind, hier trotzdem noch ein paar Zitate Valentinas zum Thema:
„First couple of weeks of basic, they basically try to make you as much of a disciplined person as possible. So it’s random – waking you up in the middle of the night, screaming at you, putting you in line, beating you sometimes and just making you in general like, feeling… you feel sub-human when you just got there. And they’re trying to break your spirit as much a possible. Which was very tough for me as well because I could not for example, wear my hair [the way] I wanted to, I could not just have a simple ponytail or something, no, it had to be gel’d down to the point of me taking of that gel was the most painful part of my day. Everything had to be nit-pick perfect. And the constant screaming, hearing people cry at night, feeling cold as well because they try to make you uncomfortable with temperatures they manipulated, suddenly they put [the] AC to the max and you just shiver at night even though you’re covered.“
„If you don’t get dressed on time they will hit you easily. Because there’s no other control other than the Military. They say very rude things which I expected honestly but I was not expecting it to be that tough. Because whenever I watched a military movie, I was expecting them to play it up just a bit, but it’s honestly even worse in real life when you actually experience it. You just feel tired constantly. Like there isn’t a moment where you don’t feel tired or where you actually feel rested. You feel this constant unrest. I still – whenever I hear like the military Trumpet, the wake-up call from the Military Trumpet – I still shiver a little bit. I still am ready to stand on my two feet and boots, because it’s traumatizing, honestly. I don’t think I can say it in any other way. It is traumatizing. It’s a lot of mental and physical exhaustion, hitting you at the same time and then they do this whole parade for your family at the end of it where it’s supposed to show how you’re a changed person.“
„I mean, first of all during basic they only feed you MRE’s, so those are the military rations, so you just have to survive on those, which, most of them are expired, they don’t give you the ones that are not expired. They give you the expired ones. So you’re kind fighting, you know, food poisoning, while you’re trying to fight for your life. […] My favourite was the beef ravioli because it had dried fruits in it, bits of dried pineapple, which was ok. Honestly, on base the food is not that bad. [A]fter my time in the US I did go with one of my friends to a Military base, I did eat in a DFac [dining facility].
And all I’m gonna say is the line for the DFac is extremy long each time the lunchtime comes and there aren’t enough [portions]. So most of the time when you have your lunchtime or your lunch break you do not even get food. You just go hungry until the evening.“
„Basically if you don’t go to work because you’re sick, you’re faced with the possibility of […] going to prison. If you’re feeling sick, if you’re feeling tired and you don’t show up to work. Of course, I’m not saying like that you took your PTO [paid time off]. But if you’re feeling sick, if you’re feeling tired, most of the time you are face with the decision: do I go to work or do I go to jail?
Because as a military person you also like get rid of your right to sue. You’re not allowed to sue. So anything you do there, anything they do to you. You cannot sue them for it. You forfeit your right to a lawsuit. So there were a lot of times where, my friends were telling me, oh I’m feeling, sick but I’m just gonna take Tylenol or something else, over the counter, because otherwise, […] I’m scared of going to jail.“
Kommentar verfassen