Von Perspektivlosigkeit und dem Dienst an der Waffe

– Was wäre, wenn das Ausbleiben eines Konjunkturpakets für die schwächelnde Wirtschaft gar kein Fehler ist?

Eine Ex-Soldatin der Bundeswehr und eine ehemaligen Rekrutin der US-Army erzählen im Interview, wieso es falsch ist, wenn Menschen nur des Geldes wegen in der Armee enden.

Politik kann gar nicht so vieles, wie wir es ihr manchmal attestieren wollen.*

Im Grunde erschöpft sich die Steuerungswirkung der Regierung darin, Gelder für Projekte freizugeben, und bei anderen wiederum Gelder zu versagen. Das ist die Grundlage des operativen politischen Handelns, und es ist davon auszugehen, dass Berufspolitiker*innen wie der Kanzler das wissen.

Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss auch, dass das Kürzen von Sozialleistungen, das Ausbleiben eines Konjunkturpaketes und das ewige Festhalten an der Schuldenbremse in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation gewollt und damit als Teil einer größeren Strategie zu verstehen sind.

Das scheint erst einmal paradox, denn, wie Maurice Höfgen in seinem Podcast „Geld für die Welt“ nicht müde wird zu betonen, muss irgendjemand Geld ausgeben, damit die Wirtschaft wieder wachsen kann. Und das hat sie bitter nötig – vorausgesetzt natürlich, man glaubt an das Wirtschaftswachstum als Lösung aller Übel: Die kümmerliche Prognose der Wirtschaftsministerin Reiche von 1,0% Wachstum für das Jahr 2026 wurde erst jüngst auf 0,5% verringert; Wirtschaftsinstitute prognostizieren ein Wachstum von 0,6%. Dem voraus ging das Jahr 2025 mit 0,2% Wachstum, 2023 und 24 war die deutsche Wirtschaft sogar geschrumpft (Link).

Diese Sparmaßnahmen schlagen nämlich direkt auf den Arbeitsmarkt durch.

Mit 6,4% hat Deutschland momentan die höchste Arbeitslosenquote seit mehr als 10 Jahren. Auch immer mehr Akademikerinnen werden arbeitslos: mit 332.000 Arbeitslosen Akademikerinnen ist die Zahl fast doppelt so hoch wie im Jahr 2019. Wenn ihr momentan nach einem Job sucht, werden euch diese Zahlen nicht überraschen – Berichte von 50, 100, sogar 150 Bewerbungen von Akademiker*innen auf ihren ersten Job nach dem Studium häufen sich (ich bin bei der 72.) (Link).

Doch über all der Misere und der Angst vor dem Abstieg steht ein Arbeitgeber, der momentan mächtig die Werbetrommel rührt und Personal anheuern möchte: Die Bundeswehr. Sie hat ihren Werbe-Etat für das Jahr 2026 gegenüber dem von 2022 verdoppelt: 70,5 Millionen Euro sollen alleine dieses Jahr in die Präsentation der Armee nach Außen gesteckt werden – zuletzt lief eine vierwöchige Werbekampagne in den sozialen Medien und klassischen Werbeplattformen (Link).

Die Kampagne stand im Zusammenhang mit dem zum 01. Januar diesen Jahres in Kraft getretenen Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes, nach dem junge Männer ab Jahrgang 2008 nun wieder verpflichtend gemustert werden, damit ihre Kriegstauglichkeit eingeschätzt werden kann (Link). Der damit verbundene Wehrdienst basiert zwar noch auf Freiwilligkeit, aber ob sich diese Freiwilligkeit auf Dauer stellen lässt, hängt wohl auch maßgeblich davon ab, ob die anvisierten 80.000 Rekrut*innen mit dem Modell der Freiwillligkeit angeworben werden können (Link). Jan van Aken, ehemaliger Die Linke Parteivorstand ließ sich indes auf einer Pressekonferenz so zitieren:

Auch wenn die Werbekampagne für die Bundeswehr heftiger Kritik ausgesetzt war – so z.B., dass sie nicht im Ansatz ein realistisches Bild der Truppe zeichnen, in der auch gerne mal junge Männer an Herzmuskelentzündungen sterben, weil ihre Krankmeldungen nicht ernst genommen werden , oder dass Minderjährige vor ihrem 18. Geburtstag Postkarten mit ihrem Namensschild auf der Uniform zugeschickt bekommen (Link), ist klar, dass die Bemühungen auf Hochtouren laufen, die Truppenstärke von 180.000 auf 260.000 zu erhöhen (Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes spricht sogar von einer Stärke von 300.000).

Von dieser Tatsache zeugt auch, dass die Bundeswehr im dritten Jahr in Folge eine Rekordzahl an Minderjährigen Rekrut*innen beschäftigt: Insgesamt waren im vergangenen Jahr 3131 Soldat*innen erst 17 Jahre alt – und das, obwohl Deutschland eigentlich ein Abkommen der vereinten Nationen unterzeichnet hat, nur Volljährige in der Bundeswehr zu beschäftigen (Link 1, Link 2). Neben der Frage, ob das ethisch vertretbar ist (diese Debatte führen glaube ich Andere an anderer Stelle schon effektiver), scheinen die Kindersoldat*innen schon jetzt auf ein Problem bei der Rekrutierung hinzuweisen.

Die Bundeswehr ist bei jungen Menschen nämlich alles andere als beliebt.

Laut einer YouGov-Umfrage aus dem Jahr 2025 hatten nur 38% der 16-26-Jährigen in Deutschland Lust auf die Wehrpflicht, 55% waren dagegen. Diese Tendenz hat sich im Vergleich zu einer Umfrage aus dem Jahr 2023 verdeutlicht (damals waren nur 47% dagegen, 42% dafür). Diese Unlust spiegelt sich auch in einer anderen Zahl wider: Mehr als ein Viertel der jungen Männer, die den verpflichtenden Fragebogen der Bundeswehr erhalten haben, haben Anfang Mai 2026 noch nicht darauf geantwortet – und gehen damit das Risiko ein, ein Bußgeld zahlen zu müssen. Und selbst von den 70%, die den Brief beantwortet haben, waren nur rund die Hälfte an einem Wehrdienst interessiert (Link). Auf TikTok finden sich derweil Videos, die, halb im Spaß, halb im Ernst, zeigen, wie man sich bei der Musterung verhält, um möglichst nicht eingezogen zu werden.

Vielleicht liegt das auch daran, dass die jungen Menschen ahnen, dass die actiongeladene Werbung, der sie täglich in den sozialen Medien begegnen, nur die halbe Wahrheit erzählt. Zu dieser Realisation kam auch Leonie, die eigentlich anders heißt, nach ihrer Zeit in der Bundeswehr. Für sie war klar, dass sie einmal zur Marine gehen würde, seitdem sie die Bundeswehr mit 14 auf einer Jobmesse kennengelernt hatte:

Leonie:

Sie merkt jedoch schnell, dass sich ihre Vorstellungen nicht bewahrheiten sollen. Das fängt bei Beleidigungen, Machtspielchen und psychischem Missbrauch in der Grundausbildung an:

Leonie:

Spätestens in der Kaserne, nach der Grundausbildung, merkt sie, dass die Menschen um sie herum gar nicht die selben Ideale teilen wie sie. Was einmal ihr Traum war, entpuppt sich als absolute Horrorvorstellung:

Leonie:

Trotz, oder vielleicht grade wegen der Schrecken, verdient Leonie zu der Zeit sehr gut:

Leonie:

Grade die Kombination aus jugendlichem Leichtmut, Exzess und hohem Gehalt findet Leonie im Nachhinein besonders schwierig, denn damit würde nur kaschiert, dass die wenigsten in der Bundeswehr tatsächlich darauf vorbereitet werden, was ihnen begegnet:

Leonie:

Viele junge Menschen haben einfach keinen Bock darauf, für „ihr Land“ verheizt zu werden, erst recht nicht, wenn parallel zur Einführung der Musterung und der Verdoppelung des Werbe-Etats der Bundeswehr bundesweit Gelder für Bildung, Soziales und Jugend gestrichen werden (Link).

Doch wenn die Investitionen in die Bundeswehr als einzige weiter steigen, während die Kürzungen im Sozialstaat, der Bildung und der Jugendarbeit weiter voranschreiten, dann gibt es für junge, arme Menschen bald nur noch eine Perspektive.

Und dieses Szenario ist gar nicht so unrealistisch: Erst vor wenigen Wochen war ausgerechnet die Forschungsministerin Dorothee Bär in den Schlagzeilen, wie sie das Aussetzen der Bafög-Reform mit den Worten verteidigte: „Es gibt keinen Anspruch auf ein Vollkaskostudium“ und darauf verwies, dass Studierende ja jobben gehen könnten, um das Studium zu bezahlen. Was Studierende, glaub mir, Dorothee, größtenteils trotz Bafög schon tun, um sich bspw. die 650€ Miete für ein WG-Zimmer leisten zu können (Link).

Und genau da kommt die Bundeswehr ins Spiel.

Schon jetzt können dort Schulabschlüsse nachgeholt werden, entscheidet man sich für die Offizierslaufbahn, übernimmt die Bundeswehr Studiengebühren für die Dauer des Studiums und zahlt weiterhin das Gehalt. Der Haken an der Sache? – Für so ein Studium made-by-Bundeswehr muss man sich für mindestens 13 Jahre verpflichten (Link). Das hört sich nach genau der Entscheidung an, die ein noch nicht vollkommen entwickelter Frontallappen mit 17 treffen sollte, oder?

Wie es aussieht, wenn dieser Trend sich noch verschlimmert, sieht man in den USA.

Dort ist das Militär schon lange ein großer Arbeitgeber. Von ungefähr 163,72 Millionen Beschäftigten im Jahr 2026 werden ca. 2,9 Millionen Menschen unmittelbar und mittelbar für das Militär beschäftigt (Link 1, Link 2). Das entspricht einer Quote von ca. 1,8%. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es hingegen ca. 45,6 Millionen Erwerbstätige, mittelbar und unmittelbar in der Bundeswehr beschäftigt sind davon ca. 267.000 Menschen (Link 1, Link 2).Das macht, ungefähr, eine Quote von 0,6%.

Das Fehlen sozialer Sicherungssysteme und die hohen Studiengebühren, die massenweise junge Menschen schon vor dem Eintritt ins Arbeitsleben auf Jahrzehnte hin verschulden (Link) treiben in den USA schon lange viele junge Menschen in die Hände der US Army. Doch das passiert nicht, weil der Lohn dort so gut wäre, sondern weil das Militär über verschiedene Wege die Kosten für ein Studium oder eine andere Ausbildung übernimmt, wenn man sich im Gegenzug lange genug verpflichtet. Auch Valentina, die in echt anders heißt, ist deshalb der US Army beigetreten, obwohl sie eigentlich aus Polen kommt:

Valentina:

Dort gibt es also, anders als in Deutschland, die Möglichkeit, auch ein militärfremdes Studium komplett über die sog. G.I. Bill finanzieren zu lassen, vorausgesetzt, man dient lange genug. Valentina erzählt mir auch, wie leicht es für sie war, beizutreten:


Valentina:

Obwohl sie damals keine Aufenthaltsgenehmigung hatte, wird sie ohne Probleme rekrutiert, so wie viele andere, die in der US Army eine Abkürzung in Richtung Staatsbürgerschaft sehen.

Valentina:

Valentina:

Ich kann die Menschen nicht davon abhalten, sich freiwillig dafür zu entscheiden, „ihr Land zu verteidigen“. Egal, was ich davon halte. Aber ich habe etwas dagegen, wenn der Wehrdienst einem Teil der Bevölkerung aufgezwungen wird, während andere, privilegierte Teile der Bevölkerung ihre Macht- und Entscheidungspositionen weiter festigen. Was das bedeutet, kann man schon heute in den USA absehen.

Wenn also Friedrich Merz und Lars Klingbeil die nächste Kürzung im Sozialstaat ankündigen, während euch in den sozialen Medien oder auf dem Schulhof eine Werbeoffensive der Bundeswehr begegnet, erinnert euch daran, dass im politischen Handeln weniger unglückliche Zufälle existieren, als wir gemeinhin glauben mögen.


*Das ist einer der Gründe, weshalb der Diskurs, der Friedrich Merz „Sprechtrainings“ anbieten möchte, so irreführend ist – so empfahl z.B. kürzlich Jagoda Marinić bei Maischberger dem Kanzler, eine „visionäre Rhetorik“ zu adaptieren, um die unbeliebte Politik besser zu verkaufen (Link). Aber Scheiße bleibt halt Scheiße, auch wenn man Parfüm darauf sprüht.

**Die Gewalt, die innerhalb der US-amerikanischen Truppe stattfindet, ist nicht direkt mit dem Thema verbunden, und der Artikel so schon sehr lang. Aber weil Menschen sich umso besser schlecht behandeln lassen, je marginalisierter sie sind, hier trotzdem noch ein paar Zitate Valentinas zum Thema:

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