Part 2: Konsens und Fetisch
Autorin: Cristina

Im ersten Teil dieser Reihe hat Juri beschrieben, wie schwierig es sein kann, über Sex zu sprechen, wenn gesellschaftliche Erwartungen an Männlichkeit mit der eigenen Identität kollidieren.
Je mehr Gespräche ich zu diesem Thema führe, desto klarer wird mir, wie unterschiedlich Menschen Sexualität erleben und wie komplex die Kommunikation darüber wirklich sein kann. Im Folgenden Interview spricht Vincent – der eigentlich anders heißt – offen über Konsens, Scham, Fetische und der eigenen Verantwortung, die sexuelle Intimität mit sich bringt.
Bist du eingeschüchtert von der Kommunikation über Sex, oder eher offen?
Ich rede sehr viel darüber, denn dadurch, dass ich Antidepressiva nehme und nicht so leicht zum Orgasmus komme, ist mein Höhe der Höhepunkt der Frau. Und ich bin kein Trottel: Jede Frau ist anders, das weiß ich. Dementsprechend muss man da auch einfach darüber kommunizieren, wem was gefällt.
Ich habe außerdem nicht wenig sexuelle Erfahrung mit Frauen, die vergewaltigt wurden, gemacht. Da ist es besonders wichtig abzuchecken, was für die Person okay ist und was nicht. Ich gehe immer sehr vorsichtig ran und frage bei jedem weiteren Schritt, ob das auch okay für die Person ist, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die Person schon mal sexuelle Übergriffe erlebt hat, leider nicht gerade gering ist. Ich bin lieber etwas vorsichtiger, bevor ich zu harsch bin.
Also ist bei dir die Kommunikation zuallererst auf Konsens ausgelegt?
Auf jeden Fall keine Frage. Und was ich auch oft mache, ist – nachdem wir Sex hatten – einfach zu fragen: „Hey, war alles cool für dich? Könnte ich was besser machen? Gefällt dir irgendwas besonders gut?“. Je nach Stimmung, manchmal direkt, manchmal warte ich noch, weil das gerade ein sehr intimer Moment ist und dieses Gespräch sehr trocken sein kann. Das kann halt die Stimmung kaputt machen.
Dadurch, dass du schon Erfahrung mit Vergewaltigungsopfern gemacht hast: Hast du denn das Gefühl, ihnen fiel es sehr schwer, darüber zu sprechen oder waren sie tatsächlich offen dir gegenüber?
Darüber zu sprechen, was ihnen gefällt, ist ihnen leichtgefallen. Zu teilen, was sie nicht mochten oder nicht konnten, war für sie sehr schwierig, weil es sie natürlich an die Situation erinnert. Leider ist das für sie auch – nach meiner Wahrnehmung – oft schambehaftet gewesen.
Sie haben zum Teil Flashbacks bekommen. Du musst nicht zwangsweise etwas falsch gemacht haben, aber es kann einfach jederzeit passieren. Was jedoch nervig ist, ist, dass viele Männer das direkt auf sich beziehen und dann ein gekränktes Ego haben. Was ich verstehen kann – ist bei mir initial die gleiche Reaktion – aber ich weiß ja, dass es nicht meine Schuld war, dass die Person so reagiert. Klar, ich habe etwas getan, was diesen Moment ausgelöst hat. Aber meine Verantwortung liegt dann darin, mich darüber zu informieren, wie ich damit umgehen kann. Was darf ich machen und was nicht? Was ist ihr angenehm, was ist unangenehm? Wichtig ist einfach die Person. Auf die Person zu hören. Denn eine Vergewaltigung ist: Jemand macht etwas, was du nicht wolltest und wenn du dann nicht auf sie hörst, dann ist es eine erneute Grenzüberschreitung.
Es ist sehr wichtig, auf die Person einzugehen und zu versuchen, sie zu beruhigen, ob es jetzt zum Beispiel beinhaltet, mit ihr ruhig zu atmen, oder andere Techniken anzuwenden. Der Situation die Scham nehmen – das ist das Wichtigste.
Wie gehst du damit um, wenn eine Frau nicht kommt?
Initial bin ich gekränkt, aber ich weiß ja, dass es nicht zwangsweise meine Schuld sein muss. Viele Personen sind einfach zu verkopft, um zu kommen. Oder es sind rein körperliche Bedingungen, wegen denen die Person nicht kommen kann. Und das versuche ich halt abzuchecken. Mein Problem ist noch, dass ich befürchte, dass ich die andere Person dadurch ein bisschen zu sehr unter Druck setze. Ich konzentriere mich erstmal darauf, dafür zu sorgen, dass die Person sich mit mir wohlfühlt und sich mir öffnen kann.
Wie ging es dann in der Kommunikation mit ihnen weiter, wenn sie wirklich gar keine Vorstellung davon hatten, was ihnen gefällt?
Ich habe sie dann oft gefragt, was sie machen, wenn sie masturbieren. Woran sie denken und was sie sich anschauen. Ob sie Toys benutzen, wenn ja welche und wie sie sie benutzen. Da beim Masturbieren keine andere Person dabei ist, machst du das ja für dich selbst. Das ist zumindest ein Ansatzpunkt.
War dir die Kommunikation für dich auch schon mal unangenehm?
Ja, definitiv. Wir waren alle mal jung oder hatten alle mal wenig Erfahrung in dem Thema, manche vielleicht immer noch. Was leider sehr schambehaftet ist in unserer Gesellschaft, was natürlich, wie wir alle wissen, absoluter Bullshit ist. Wenn du die Erfahrung nicht hast, dann hast du sie einfach nicht. Punkt aus.
Es fällt mir sehr schwer, zum Orgasmus zu kommen. Was mir dabei hilft, ist buttstuff. Und das ist natürlich auch nicht einfach anzusprechen in einer Gesellschaft, in der Homophobie immer noch ein Thema ist. Das ist bei mir aber eine rein internale Reaktion. Ich habe mich einfach eine lange Zeit unwohl dabei gefühlt, es zuzugeben. Nicht im Kontext dessen, was andere von mir denken könnten, sondern wirklich einfach was ich – wenn ich nicht selbst darauf stehen würde – vor ein paar Jahren gedacht hätte, wenn mir das ein Kumpel erzählt hätte. Der Gedanke daran, was ich selbst, noch vor zehn Jahren, für Witze gemacht hätte.
Hast du deine Vorlieben primär in Beziehungen rausgefunden oder auch allein?
Bei buttstuff kann ich das gar nicht genau sagen. Bei meinem Fußfetisch war es so, dass ich lange Zeit keinen Sex hatte, sexuell frustriert war und mich nichts so richtig in Stimmung gebracht hat. Ich habe auf Pornowebseiten gebrowst – warum Pornos scheiße sind, darüber müssen wir jetzt nicht reden, damals habe ich es halt getan – und dann ist mir aufgefallen: Videos mit Füßen. Irgendwie hat es was in mir ausgelöst. Und dann habe ich es Stück für Stück – aber immer nur in Beziehungen, also in emotionalen Verbindungen – ausprobiert. Was mir daran gefällt, wie es mir gefällt.
Bist du in deinen Beziehungen dann auf Verständnis gestoßen, oder hattest du auch manchmal Angst, das anzusprechen?
Ja, definitiv hatte ich da Angst, weil klar, man kennt die Fußfetischwitze. Ich mache die ja selbst gerne. Anfangs habe ich immer ein bisschen gebraucht, bis ich es angesprochen habe. Und natürlich merkt man dann auch an der Reaktion der Person, ob sie bereit ist, das auszuprobieren oder nicht. Meiner Erfahrung nach gab es mehr Personen, die da eher Hemmungen haben, als dass sie sagen: „okay, let’s fucking go“.
Es ist wichtig, dass die andere Person sich auch wohlfühlt, wenn man einen Fetisch hat.
Man muss sich halt überlegen: „Wie viel ist mir meine eigene Lust und wie viel ist mir das Wohlbefinden der anderen Personen wert?“. Und wenn du da lange überlegen musst, bist du halt ein Arschloch.
Wie genau baut man Füße denn beim Sex ein?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten und verschiedene Leute stehen natürlich auf verschiedene Sachen. Erstmal kann man sie bei den verschiedenen Stellungen im Vordergrund präsentieren. Dann kann man sie einfach anfassen oder sie generell irgendwo am Körper platzieren. Ich finde es unter anderem hot Füße auf der Brust zu haben. Vielleicht auch, weil das was Unterwerfendes hat. (Pause) I don’t know, ist mir gerade so bewusst geworden. Just in diesem Moment? Ja, halt wirklich. Und dann gibt es natürlich auch klassisch die Option, die Füße an den Genitalien zu positionieren. Wenn sich mein Gegenüber nicht wohl damit fühlt zu reiben, ist es auch okay, wenn sie einfach in der Nähe sind.
Füße küssen, lecken, an den Zähnen lutschen. Fun fact, das habe ich von Scrubs. Da ist halt so eine Rückblende und im Hintergrund hört man Affengeräusche und eine Erzählerstimme, die sagt: „Nun leckt das Männchen den Zehenzwischenraum des Weibchens“. Man sieht JD mit einem Notizblock die Idee aufschreiben. Und so kam ich zum ersten Mal darauf, das auszuprobieren. Das war jetzt nicht mein „oh mein Gott, ich stehe auf Füße“-Moment. Es war eher ein „okay, es stört mich jetzt nicht, das zu machen“.
Sind Füße für dich vornehmlich visuell interessant gewesen?
Eigentlich gar nicht. Aber mir ist irgendwann aufgefallen, es gibt schon Füße, die ich attraktiver und weniger attraktiv finde. Es ist nicht so, dass ich geil werde, sobald ich einfach Füße sehe. Also das absolut nicht. Aber der Gedanke, die Füße beim Sex mit einzubauen, das macht mich an, das gefällt mir.
Ich stehe auch nicht auf Socken. Das kommt nämlich auch noch dazu: Bei manchen konzentriert sich der Fußfetisch auf Socken. Bei anderen auf Schuhe, das können auch sowas wie Sneaker sein, wo man nichts von den Füßen an sich sieht.
Ist das vergleichbar mit anderen gesellschaftlich weitaus stärker sexualisierten Körperbereichen? Oder ist das nochmal was anderes?
Genau! Ich versuche, von dem Gedanken wegzukommen – wie wir alle es tun sollten – Personen nur auf Äußerlichkeiten zu reduzieren oder sogar zu sexualisieren. Aber da das bei beispielsweise Brüsten oder Hintern gesellschaftlich deutlich stärker drin ist als bei Füßen, ist es hier nochmal eine andere Nummer.
Ich bemerke jedoch auch einen Umschwung, was Fußfetisch angeht. Besonders durch die Verbreitung von Memes in den sozialen Medien. Da sollte man unbedingt aufpassen, wie weit man das führt, weil man sonst nur dafür sorgen wird, dass Frauen für noch mehr sexualisiert werden als ohnehin schon.
Wenn ich verliebt bin und der Person ins Gesicht schaue, dann werde ich teilweise auch horny. Weil sie einfach so unglaublich wunderschön in meinen Augen ist und ich sie einfach liebe. Das hatten wir ja auch: Sex als Akt der Intimität und nicht als Befriedigung des körperlichen Sextriebs.
Hast du dominante oder submissive Dynamiken ausprobiert? Würdest du dich da irgendwo einordnen?
Das fällt mir oft schwer, wenn ich nicht wirklich in der Stimmung dazu bin, weil ich einfach kein dominanter Typ bin. Also ich probiere es immer wieder aus, wenn die andere Person es möchte. Aber von mir aus würde ich das jetzt nicht initiieren. Ich finde Sex besonders schön, wenn man einfach auf Augenhöhe ist, weil mir rein körperlicher Sex nicht so viel gibt, sondern weil es für mich eine erweiterte Form des Küssens ist. Dann finde ich Sex besonders schön. Um der anderen Person Zuneigung zu zeigen.
Also das Körperliche steht bei mir gar nicht so krass im Vordergrund, es ist wirklich eher die emotionale Komponente, die mich reizt. Beziehungsweise auch die ästhetische Komponente. Also wenn ich mit einer Person mit einem – meiner Meinung nach – sehr ästhetischem Körper schlafe, macht mir der Sex einfach mehr Spaß, als wenn die Person sonst irgendwelche krass verrückten Sachen macht.
Hast du Angst Personen beim Sex körperlich zu verletzen?
Ja, davor habe ich auch Angst. Früher in der Grundschule konnte ich mich nicht so gut einschätzen und immer, wenn jemand geheult hat, war die erste Frage: Was hat er jetzt schon wieder gemacht? Das wollte ich nicht mehr. Deswegen bin ich zu einer sehr gewaltfreien Person geworden. Aber dadurch, dass ich auch lange Zeit Probleme hatte, meine Emotionen zu regulieren und damit umzugehen, kam es auch schon zu Wutaussprüchen. Nichts, wo ich gewalttätig gegenüber einer Person wurde. Aber ich habe auch intrusive thoughts mit Gewaltvorstellungen, wenn es mir nicht gut geht. Und ich habe ein bisschen Angst, dass, wenn ich einen gewissen Punkt überschreite, es quasi wie die Büchse der Pandora ist.
Vorsicht ist einfach immer besser als Nachsicht. Dementsprechend ist es so, dass auch diese „typisch männliche Rolle“ beim Sex als dominanter Part schwer für mich ist, weil ich mir bei meiner Geschlechtsidentität nicht zu 100 % sicher bin. Jede Person, die mich kennt, weiß auch, dass ich kein typischer gesellschaftlicher Mann bin.
Natürlich, ich habe internalisierte Misogynie und toxische Männlichkeit. Auch Anteile, die ich selbst noch nicht bemerkt habe. Aber trotzdem fühle ich mich halt nicht wie dieser Beschützer, dieser Brotverdiener – dieses typisch Männliche. Sport, stark und Monstertrucks, Rawrrrr. Dementsprechend ist das dann auch immer so ein Zwiespalt bei mir: Fühle ich mich in der Rolle wirklich wohl oder mache ich es, weil die andere Person es will.
Spielt das gesellschaftliche Rollenbild des Mannes bei dir eine große Rolle, wenn es um Sex geht?
Ja, ganz klar. Sex ist ja bei mir lange ein Mittel gewesen, um mich männlich zu fühlen. Um vermeintlichen Selbstwert aufzubauen. Keine gute Idee, aber ich sehnte mich nach männlicher Anerkennung. Irgendwann habe ich festgestellt, am leichtesten ist es für mich, männliche Anerkennung zu bekommen, indem ich viel Sex mit hübschen Frauen habe. Es war dann auch egal, ob ich sie hübsch fand, solange sie als gesellschaftlich attraktiv galten. Das hat mir schon gereicht, dass ich mit ihnen schlafen wollte oder vermeintlich schlafen wollte. Ich habe keine nennenswerten männlichen Freunde und trotzdem ist das noch in mir. Ich bekämpfe es natürlich. Ich habe gelernt, meinen Selbstwert nachhaltig von innen heraus aufzubauen. Und dementsprechend wird es auch weniger – deutlich weniger – aber ich bemerke es trotzdem noch an mir.
Sex ist identitär und gesellschaftlich. Nichts existiert im luftleeren Raum.
Wenn ich zum ersten Mal mit einer Person schlafe, ist mein Default einfach aktiver Konsens. Bevor ich also etwas mache, frage ich nach, ob das okay ist. Aber ganz viele Frauen, mit denen ich geschlafen habe, sind davon verwirrt und betonen: „ich sag halt, wenn was nicht passt“. Aber sei mal ehrlich zu dir selbst, wie oft hast du das schon wirklich gesagt?Wie oft hast du wirklich gesagt „hey, das möchte ich nicht“, wenn es schon so weit ist? Wie oft hast du dich das getraut? Und ist es wirklich, weil dir das lieber ist? Oder bist du es gewohnt, weil die meisten Männer so handeln?Und das finde ich halt sehr, sehr traurig. Ganz, ganz viele Frauen wissen nicht, was sie beim Sex wollen, weil sie Sex nicht als etwas sehen, was sie wollen, was sie genießen, sondern etwas, was sie für die andere Person tun – für den Genuss der anderen Person.
Sex betrifft uns alle, egal ob man ihn hat oder nicht. Lust, Begierde – es sollte nicht so tabuisiert werden, damit auch besonders junge Frauen (und leider auch Mädchen) in den Austausch kommen und erfahren, was okay ist und was nicht.
Wenn du halt nur deinen Macker hast, der dir sagt, „hey, das machen alle so, das ist okay“ und kein Korrektiv hast, dann glaubst du das natürlich erstmal und machst vielleicht Dinge, die du gar nicht willst. Einfach, weil du denkst, das macht man halt so. Dinge zu machen, weil man denkt, man macht es halt so, ist sowieso falsch.
Vielleicht liegt darin der Kern guter sexueller Kommunikation: nicht alles zu wissen, aber sich zu trauen, nachzufragen.
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