Autorin: Cristina

Im letzten Monat bin ich den Datingplattformen ferngeblieben. Die ganze neu freigeschaltete Zeit stürzte ich mich in die Arbeit, die Jobsuche und ging meinen Hobbies mehr nach. Ich fing auf einmal an zu joggen, ich malte, ich feilte an meinen Texten und plante mein Leben auf To-Do-Listen durch.
Der ganze Selbstoptimierungs-Wahnsinn ging eine Woche lang gut.
Dann holte mich die volle Last der Melancholie an einem Sonntag allein zu Hause ein. Ich war das ganze Wochenende mit meinen Freund*innen unterwegs. Feierte meinen Geburtstag, ging auf den CSD, tanzte bei der After-Party ausgelassen und fand mich Sonntag verkatert und ohne Pläne in meinem Bett wieder. Sonntage sind die schlimmsten Tage für Singles. Dieser war auch noch ein regnerischer. Ich hätte für ein käsiges Katergericht und einen Tag im Bett mit jemandem, der/die mir nicht den letzten Nerv raubt und gut knutschen kann, getötet.
Sich auf sich selbst zu konzentrieren ist zwar schön, aber reicht nicht. Ich musste neue Vorkehrungen treffen, um dieser Melancholie endgültig zu entkommen.
Ich fädele nach der Arbeit also Treffen in der gemütlichsten Bar-Ecke Halles ein. Wir schreiben Texte, sprechen über unseren Tag. Wir rätseln zusammen an den extra schweren Sudokus in meinem Heft, die ich allein nicht lösen kann. (Wir beide zusammen leider auch nicht.) Persönliche Ziele, von denen ich erzähle, hört man sich an und schreibt sie ins eigene Tagebuch, damit ich sie mir wieder ins Gedächtnis rufen kann. Meine Zukunftsvisionen stehen im Tagebuch eines anderen Menschen.
Auch ich scheine eingefädelt zu werden: „Wir haben uns jetzt schon ganze 3 Tage nicht gesehen und müssen bitte ein Date ausmachen, so geht es nicht weiter. Hast du heute Zeit?“ Ich habe einen echt harten Tag und bin erschöpft, aber der Gedanke daran, abends wieder zusammenzusitzen, gibt mir etwas, worauf ich mich freuen kann. Wir beide holen unabhängig voneinander unsere gegenseitigen Lieblingssnacks. Wir sitzen bei Kerzenschein in meiner Wohnung und sprechen, bis uns die Themen ausgehen, aber schauen dann noch Bridget Jones, weil wir trotzdem noch nicht nach Hause wollen.
„Cristina ich liebe es, dass du so schnell denkst, denn ich habe das Gefühl, die anderen kommen bei mir nicht so mit. Deine Energie steigert meine eigene.“
Als ich einen Tag arbeiten muss, wurde ich vorher gefragt, ob man in meiner Wohnung malen dürfte, während ich weg bin. „Soll ich noch da sein, wenn du nachhause kommst“? „Ja bitte“. Als ich doch länger arbeiten musste, wurden mir bequeme Schuhe, eine Jacke – weil es „abends zu kalt werden würde“ – und mein liebster Geschmack Red-Bull gebracht. Man wartet, bis meine Schicht vorbei ist, um noch länger mit mir sprechen zu können. „Ich hätte dir sonst zuhause das kleine Licht angemacht, damit du in die Wohnung kommst und es gleich heimelig ist!“ Ich hätte weinen können.
Weil wir wissen, wie beschäftigt wir sind, aber uns trotzdem sehen wollen, fädeln wir nun gemeinsam Coworking-Termine ein. „Ich suche immer wen zum Bodydoubeln.“ Wir besprechen unsere Projekte, wenn es Möglichkeiten gibt zusammenzuarbeiten, tun wir das. Ich rufe an, wenn ich ein Cover für eine Kolumne oder eine gute Kamera benötige. Weil ich weiß, dass die Person Arbeit nur schwer abgeben kann, erledige ich einen Nachmittag lang die kleinteilige Fleißarbeit, bei der man nicht viel falsch machen kann.
Ich bin mittlerweile anscheinend sogar ein Notfallkontakt, denn als es darum geht, nach einem Eingriff unter Narkose nachhause begleitet zu werden, fällt mir die Aufgabe zu. Wir kaufen danach noch ein, und ich werde bekocht.
Ein paar Tage lang schicke ich jeden Morgen Bilder eines mir geschenkten Lilien-Straußes um zu zeigen, wie schön sie alle nacheinander aufblühen. Ihr Duft begrüßt mich jeden Tag, wenn ich meine Küche betrete.
An Sonntagen koche ich jetzt abends Suppe und lade ein, damit ich mich an diesen Tagen nicht so allein fühle. Wir sitzen zusammen und ich werde stillschweigend, kauend und nickend angeschaut und für meine Kochkünste gelobt. Dann nimmt man sich noch zweimal nach und kriegt eine Tupperdose für die Arbeit mit. Wir sitzen nebeneinander, ich lege meinen Kopf auf die andere Schulter. Ich betone, wie schön es ist, dass wir uns haben. Regnerische Sonntage tun nun gar nicht mehr so weh.
Es waren die besten Dates des Jahres: Danke an alle meine Freund*innen.
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